Der Nebel kam leise. Er kroch zwischen den alten Zedern des Berges Kurama hindurch, legte sich auf den schmalen Pfad und verschluckte jedes Geräusch, als hätte die Welt beschlossen, für einen Moment den Atem anzuhalten. Ein Wanderer stapfte müde den Weg hinauf, seine Sandalen feucht vom Tau, sein Mantel schwer von der Kälte der Nacht. Was als einfache Reise begonnen hatte, war zu einem ziellosen Umherirren geworden. Die Wegweiser hatte er längst aus den Augen verloren, und selbst der Mond war hinter den dichten Ästen verschwunden. Nur sein Herzklopfen blieb ihm – und dieses leise, nagende Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Japan – Kyoto Berg Kurama – Unheimliche Begegnung im Nebel weiterlesen
Japan – Gut zu Wissen – Dreibeiniger Rabe Yatagarasu (八咫烏)
Yatagarasu (八咫烏), der dreibeinige Rabe der japanischen Überlieferung, erscheint in den frühesten schriftlichen Quellen Japans als eine Gestalt zwischen Mythos, religiöser Erfahrung und politischer Sinnstiftung. Überliefert ist er insbesondere im Kojiki („Aufzeichnung alter Begebenheiten“) und im Nihon Shoki („Chroniken Japans“), zwei der ältesten Geschichtswerke des Landes aus dem 8. Jahrhundert, die Mythen, Legenden und frühe historische Vorstellungen miteinander verbinden. In diesen Texten wird Yatagarasu nicht als gewöhnliches Tier beschrieben, sondern als ein göttlicher Bote der Kami. „Kami“ sind im Shintō, der traditionellen japanischen Religion, keine allmächtigen Schöpfergötter im westlichen Sinn, sondern geistige Wesenheiten oder heilige Kräfte, die in Naturerscheinungen, Orten, Ahnen oder besonderen Symbolfiguren gegenwärtig sein können. Japan – Gut zu Wissen – Dreibeiniger Rabe Yatagarasu (八咫烏) weiterlesen
Japan – Osaka Namba Yasaka Schrein – Der Löwe, der die Dämonen verschlang
Die Nacht lag schwer über Osaka, und im Viertel Namba waren die Straßen ungewöhnlich still geworden. Normalerweise hallten hier bis spät am Abend Stimmen, Gelächter und das Rufen der Händler durch die engen Gassen, doch an diesem Abend waren die Fensterläden geschlossen, die Laternen gedimmt und selbst die Katzen schlichen vorsichtig zwischen den Häusern. Nur der Wind bewegte die Papierlaternen, die leise gegeneinander klopften und flackernde Schatten über die Holzfassaden warfen. Haruto, ein junger Fischer aus der Nähe des Hafens, zog seinen Mantel enger um die Schultern und ging schneller. Er hatte den ganzen Tag auf dem Meer gearbeitet und war später zurückgekehrt als geplant, doch etwas an dieser Nacht ließ ihn frösteln, obwohl der Frühling längst begonnen hatte. Seine Großmutter hatte ihn am Nachmittag gewarnt, dass die Schatten in Namba unruhig geworden seien, doch Haruto hatte darüber gelächelt und es als alte Geschichte abgetan. Jetzt jedoch, als der Nebel langsam vom Meer in die Straßen kroch, spürte er zum ersten Mal, dass vielleicht mehr Wahrheit in den alten Geschichten lag, als er geglaubt hatte. Japan – Osaka Namba Yasaka Schrein – Der Löwe, der die Dämonen verschlang weiterlesen
Japan – Gut zu Wissen – Was ist Shitennō (四天王)
Die Shitennō (四天王) sind in der japanischen buddhistischen Tradition die „Vier Himmelskönige“. Sie gehören zu den bekanntesten Schutzgottheiten des ostasiatischen Buddhismus. Man findet ihre Figuren oft in Tempeln: groß, bewaffnet, furchteinflößend und mit wilden Gesichtsausdrücken. Obwohl sie bedrohlich aussehen, gelten sie nicht als böse Wesen, sondern als mächtige Beschützer des Buddhismus, der Menschen und der kosmischen Ordnung. Japan – Gut zu Wissen – Was ist Shitennō (四天王) weiterlesen
Japan – Miyazaka Insel Aoshima – Goldener Drache unter Wellen
Der Wind trug den Geruch von Salz über die Küste von Aoshima, als die Sonne langsam hinter dem Horizont versank und das Meer in dunkles Gold tauchte. Es war eine dieser Nächte, in denen die Welt stiller wirkt als sonst, als würde selbst das Wasser lauschen. Zwischen den schwarzen Felsen der „Oni-no-Sentakuita“ brachen die Wellen in gleichmäßigen Rhythmen, doch unter dieser Ruhe lag etwas, das älter war als jede Erinnerung der Menschen. Die Fischer sagten, das Meer habe ein Herz, und manchmal schlage es lauter als der Himmel selbst. Japan – Miyazaka Insel Aoshima – Goldener Drache unter Wellen weiterlesen
Japan – Gut zu Wissen – Was ist Tenbu (天部)
Im japanischen Buddhismus bezeichnet „Tenbu“ (天部) eine Gruppe von himmlischen Wesen, Schutzgottheiten und göttlichen Wächtern, die den Buddhismus beschützen und unterstützen. Das Wort setzt sich aus zwei japanischen Schriftzeichen zusammen: „Ten“ (天) bedeutet „Himmel“ oder „himmlisch“, während „Bu“ (部) „Gruppe“ oder „Abteilung“ heißt. Wörtlich könnte man Tenbu also als „die Gruppe der himmlischen Wesen“ übersetzen. Obwohl diese Wesen oft sehr mächtig dargestellt werden, gelten sie nicht als Buddhas. Ein Buddha ist im Buddhismus ein vollkommen erleuchtetes Wesen, das den Kreislauf von Leiden und Wiedergeburt überwunden hat. Die Tenbu dagegen sind eher Beschützer, Helfer und Wächter des buddhistischen Glaubens. Japan – Gut zu Wissen – Was ist Tenbu (天部) weiterlesen
Japan – Nara Tōdai-ji Tempel – Die zahmen Hirschboten der Götter
Der Nebel lag schwer zwischen den uralten Zedern, und die Hügel über Nara waren so still, als würde die Welt für einen Augenblick den Atem anhalten. Kein Vogel sang, kein Ast knackte im Wald, nur der ferne Klang einer Tempelglocke wanderte langsam durch die kühle Morgenluft. Ein junger Holzfäller namens Haru blieb mitten auf dem schmalen Bergpfad stehen. Eigentlich war er auf dem Heimweg, seine Schultern schmerzten von der schweren Last aus Holzscheiten, und er dachte nur daran, bald ein warmes Feuer zu sehen. Doch plötzlich hatte sich die Luft verändert; sie fühlte sich seltsam klar an, fast so, als wäre der Wald selbst wach geworden. Japan – Nara Tōdai-ji Tempel – Die zahmen Hirschboten der Götter weiterlesen
Japan – Gut zu Wissen – Was sind Oni (鬼)
Oni sind in der japanischen Mythologie und Volksreligion dämonische Wesen, die seit Jahrhunderten in Legenden, religiösen Vorstellungen und der traditionellen Kunst Japans vorkommen. Historisch erscheinen sie bereits in frühen japanischen Chroniken und religiösen Texten, insbesondere in der Heian-Zeit (794–1185), als symbolische Verkörperungen von Chaos, Unglück und moralischem Fehlverhalten. Ihre Darstellung wurde stark durch Einflüsse aus dem Buddhism und der einheimischen Shinto-Tradition geprägt. Japan – Gut zu Wissen – Was sind Oni (鬼) weiterlesen
Japan – Shitennō-ji Osaka – Die geheimnisvolle Laterne
An einem kühlen Herbstabend lag Nebel über der Stadt Osaka. Zwischen den Häusern wurden bereits die ersten Lampen angezündet, und Händler schlossen langsam ihre Marktstände. Nicht weit vom Markt entfernt stand der große Tempel Shitennō-ji. Seine Dächer ragten über die Bäume hinaus, und im Tempelgarten war es zu dieser Stunde bereits still geworden. Japan – Shitennō-ji Osaka – Die geheimnisvolle Laterne weiterlesen
Japan (2010) – Hyogo – Kobe – Taisan-ji Tempel (太山寺)
Ich war schon länger im Zentrum von Kobe, was ich schön und entspannend fand, auch wenn ich dort nicht wirklich allein war. Ich war überrascht, wie sehr sich alles veränderte, als ich diesen Bereich der Stadt verließ. Japan (2010) – Hyogo – Kobe – Taisan-ji Tempel (太山寺) weiterlesen
Japan – Sumiyoshi Taisha – Die Nacht, in der das Meer antwortete
Das Meer vor Osaka hatte viele Stimmen. Am Tage klang es wie ein geduldiger Atem, weit und offen. In der Nacht jedoch flüsterte es Dinge, die nur jene hörten, die bereit waren zuzuhören.
Hayato war nicht einer von ihnen. Japan – Sumiyoshi Taisha – Die Nacht, in der das Meer antwortete weiterlesen
Japan – Gut zu Wissen – Kannon das erleuchtete Wesen (Mahayana-Buddhismus)
Kannon ist im japanischen Buddhismus keine Gottheit im klassischen Sinne, sondern ein sogenannter Bodhisattva – ein erleuchtetes Wesen, das bewusst auf den endgültigen Eintritt ins Nirvana verzichtet, um anderen Lebewesen zu helfen. Diese Vorstellung gehört zum Mahayana-Buddhismus, der in Japan weit verbreitet ist und Mitgefühl als eine der höchsten spirituellen Tugenden betrachtet. Kannon verkörpert genau dieses Mitgefühl in seiner reinsten Form: die Fähigkeit, das Leiden aller Wesen wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Japan – Gut zu Wissen – Kannon das erleuchtete Wesen (Mahayana-Buddhismus) weiterlesen
Japan – Matsuoji (松尾寺) Osaka – Der Pilger, der seinen Weg verlor
Es war in einer Zeit, in der Reisende ihre Wege noch zu Fuß zurücklegten und Pilger ihre Hoffnung in kleine Holztafeln, Gebete und den Klang der Tempelglocken legten. Die Berge südlich von Osaka waren damals herrlich still. Dichte Wälder bedeckten die Hänge, Nebel lag morgens zwischen den Bäumen, und schmale Pfade schlängelten sich durch Moos, Steine und uralte Zedern. In diesen Bergen lag der Tempel Matsuo-ji, ein Ort der Ruhe für jene, die die Pilgerreise der Saigoku Kannon Pilgrimage beschritten. Japan – Matsuoji (松尾寺) Osaka – Der Pilger, der seinen Weg verlor weiterlesen
Japan (2014) – Nara – Nigatsu-dō Tempel (東大寺 二月堂)
Der Tempel Nigatsu-dō, dessen Name wörtlich „Halle des zweiten Monats“ bedeutet, liegt am Hang des heiligen Berges Wakakusa in der alten Kaiserstadt Nara. Er gehört zum weitläufigen Tempelkomplex von Tōdai-ji, einem der bedeutendsten buddhistischen Zentren Japans, das im 8. Jahrhundert während der Nara-Zeit als Symbol staatlich geförderten Buddhismus gegründet wurde. Japan (2014) – Nara – Nigatsu-dō Tempel (東大寺 二月堂) weiterlesen
Japan – Beppu Hachiman Asami Schrein – Zwischen den Meoto‑sugi
Der Frühling hatte Beppu wie eine sanfte Decke überzogen. Die Kirschblüten hatten gerade begonnen, ihre zarten Blätter in der Sonne zu wiegen, und die heißen Quellen schickten feinen Dampf in die kühlen Morgenluft. Ayaka zog ihren Schal enger um den Hals, während sie die steilen Stufen hinaufstieg, die zum Hachiman‑Asami‑Schrein führten. Sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Heute war kein gewöhnlicher Tag. Heute würde sie Takeshi folgen, dem Jungen, der seit ihrer Kindheit an ihrer Seite gewesen war. Japan – Beppu Hachiman Asami Schrein – Zwischen den Meoto‑sugi weiterlesen
Japan – Der Kusunoki, der nicht nur ein Baum war
In einer Nacht, in der der Wind vom Meer heraufzog und selbst die Hunde im Dorf schwiegen, lief ein Junge namens Haru den steilen Weg zum Schrein hinauf. Er hätte nicht dort sein sollen. Seine Mutter hatte gesagt, nach Sonnenuntergang gehöre der Wald nicht mehr den Menschen. Japan – Der Kusunoki, der nicht nur ein Baum war weiterlesen
Japan – Gut zu Wissen – Sentō (銭湯) japanische Badehäuser
Stell dir vor, du kommst nach einem langen Arbeitstag nach Hause, aber statt unter eine heimische Dusche zu schlüpfen, schnappst du dir ein Handtuch, ein kleines Täschchen mit Seife und Shampoo und gehst einfach … um die Ecke zum Baden. Willkommen in der Welt der Sentō – der japanischen Gemeinschaftsbadehäuser, die seit Jahrhunderten zum Alltag Japans gehören. Japan – Gut zu Wissen – Sentō (銭湯) japanische Badehäuser weiterlesen
Japan – Shigi-san (信貴山) – Die Wiedervereinigung mit seiner Schwester
Vor vielen Jahren, noch bevor man auf dem Berg Shigi von Wundern sprach, lebte Myoren als jüngerer Bruder in einem kleinen Dorf in der Provinz Yamato. Seine Eltern waren früh gestorben, und es war seine ältere Schwester gewesen, die ihn aufzog. Sie arbeitete auf den Feldern, nähte Kleidung, kochte einfache Mahlzeiten – und achtete stets darauf, dass ihr Bruder genug aß, genug lernte und seinen ruhigen, nachdenklichen Gedanken nachgehen konnte. Japan – Shigi-san (信貴山) – Die Wiedervereinigung mit seiner Schwester weiterlesen
Japan – Shigi-san (信貴山) – Die reisende Reisschale vom Shigi-san
Vor langer Zeit lebte hoch oben auf dem Berg Shigi ein Mönch namens Myoren. Seine Hütte war klein, aus Holz gezimmert und vom Wind umtost. Im Winter kroch die Kälte durch die Ritzen der Wände, im Sommer flirrte die Hitze über den Steinen des schmalen Bergpfades. Doch Myoren beklagte sich nie. Er hatte der Welt entsagt, um in Stille zu beten und sein Herz zu läutern. Besitz bedeutete ihm nichts. Japan – Shigi-san (信貴山) – Die reisende Reisschale vom Shigi-san weiterlesen
Japan – Zōzu (象頭山) der Berg, der atmete
Ende der Edo-Zeit, im Frühjahr des Jahres 1864, stand der siebzehnjährige Haruma zum ersten Mal vor dem Aufstieg auf den Zōzu-san. Er war Sohn eines Salzarbeiters an der Küste der Seto-Inlandsee und hatte sein Dorf noch nie verlassen. Sein Leben war flach gewesen wie der Horizont über dem Meer – Wind, Wasser, Arbeit. Doch nun erhob sich vor ihm der Berg, auf dessen Hängen das Heiligtum von Konpira stand. Still, bewaldet, beinahe wachsam. Japan – Zōzu (象頭山) der Berg, der atmete weiterlesen