Der Wind kommt zuerst als Ahnung. Ein Rascheln in den Bambusblättern, das sich überraschend schnell zu einem Sog verdichtet, der an Kleidung und Haaren zerrt, ehe man begreift, woher er kommt. Dann reißt er Wolken auseinander, biegt Kiefern bis an die Grenze ihrer Elastizität und trägt den Geruch von Regen über Bergrücken, die man noch nicht sehen kann.
In dieser unsichtbaren, launischen Kraft verehrten die Menschen Japans seit jeher eine eigene Gottheit: Fūjin (風神), den Wind- und – in seiner engsten Verbindung – auch Sturmgott, dessen Wesen sich nie in einem festen Bild erschöpft, sondern immer im Übergang bleibt, im Dazwischen von Stille und Aufruhr.

Die älteste Spur von Fūjin führt zurück in die Schöpfungserzählungen des Kojiki, der ältesten erhaltenen Chronik Japans aus dem Jahr 712. Dort wird erzählt, wie das Urgötterpaar Izanagi und Izanami, das die Inseln Japans erschuf, bei der sogenannten „Geburt der Götter“ eine ganze Reihe von Naturgottheiten hervorbrachte. Aus dem Atem, mit dem Izanami den Morgennebel fortblies, entstand ein Windgott namens Shinatsuhiko, in manchen Überlieferungen auch als Paar mit der Göttin Shinatobe gedacht. Schon dieser Ursprung verrät etwas Wesentliches über das japanische Verständnis von Wind: Er ist kein Ding, sondern eine Bewegung, ein Ausatmen der Welt selbst, das Leben und Verwüstung gleichermaßen mit sich tragen kann. Shinatsuhiko wurde an zahlreichen Schreinen verehrt, unter anderem am Tatsuta-Taisha in der Region Nara, wo bis heute im Frühling und Herbst Riten für eine gute Ernte und gegen verheerende Stürme abgehalten werden – denn der Wind, der die Reispflanzen bestäubt und das Wetter wendet, kann ebenso gut die Felder zerstören.

Die Figur, die heute in Japan unter dem Namen Fūjin am bekanntesten ist, hat ihre Wurzeln allerdings nicht allein im einheimischen Götterglauben, sondern auch im Buddhismus, der über den Kontinent nach Japan kam. In der buddhistischen Bildwelt zählt Fūjin – ursprünglich eine indische Naturgottheit, die schon im Rigveda erscheint – zu den Beschützern der buddhistischen Lehre. Gemeinsam mit dem Donnergott Raijin gehört er zum Gefolge der tausendarmigen Kannon, der Bodhisattva des Mitgefühls, und wird oft unter den sogenannten 28 Begleitfiguren dieser Gottheit dargestellt. Genau dieses Paar, Fūjin und Raijin, bildet bis heute die wohl prägendste Geschichte um den Windgott: keine einzelne dramatische Episode, sondern ein ewiges Zusammenspiel zweier Urkräfte, die einander brauchen, um Wetter, Jahreszeiten und das Gleichgewicht der Natur hervorzubringen – der eine entfacht den Sturm, der andere den Donner, gemeinsam regeln sie Regen und Ernte, Zerstörung und Erneuerung.

Bildlich ist Fūjin außergewöhnlich konstant über die Jahrhunderte. Die ältesten erhaltenen Statuen von Fūjin und Raijin stehen im Sanjūsangen-dō in Kyoto, einer im 13. Jahrhundert wiederaufgebauten Tempelhalle, die ihren Namen den 33 Abständen zwischen ihren Säulen verdankt. Dort kniet Fūjin auf einer Wolke, einen prall gefüllten Sack über die Schultern geschwungen, aus dem er den Wind in die Welt entlässt. Sein Gesicht ist von grimmiger Wachsamkeit, der Mund mit den schnabelartig vorgewölbten Lippen leicht geöffnet, als bliese er gerade aus. Auffällig ist die Hand mit nur vier Fingern und die Füße mit nur zwei Zehen – eine Besonderheit, die ihn von Raijins drei Fingern unterscheidet und auf eine alte symbolische Zahlenordnung zurückgeht.

Die berühmteste Darstellung überhaupt stammt jedoch nicht aus dem Tempel, sondern von der Hand des Malers Tawaraya Sōtatsu, der im frühen 17. Jahrhundert für den Tempel Myōkō-ji einen zweiteiligen Goldwandschirm schuf: „Fūjin Raijin zu“, heute ein japanischer Nationalschatz. Sōtatsu zeigt beide Götter nicht zornig, sondern fast lachend, ihre Körper in grünem (Fūjin) und weißem (Raijin) Ton vor Goldgrund, mit wirbelnden, in der charakteristischen „Tarashikomi“-Technik aus verlaufender Tusche gemalten Wolken. Dieses Bild prägte alle späteren Darstellungen, von Ogata Kōrin bis in die heutige Populärkultur, so nachhaltig, dass der windgefüllte Sack und die wallenden Wolkenbänder zum festen ikonografischen Code für Fūjin wurden, gleich in welchem Medium er auftaucht.

Bis in die Gegenwart ist Fūjin in Japan lebendig geblieben, freilich seltener als Objekt religiöser Verehrung im engeren Sinn, sondern als kulturelles Bildmotiv: Sein Name und sein Bild tauchen in Festumzügen, auf Tempelfächern, in Mangaserien und sogar in Markennamen auf, wann immer es um die rohe, unkontrollierbare Energie des Windes geht. Die Doppelfigur Fūjin-Raijin bleibt dabei das eigentliche Herzstück seiner Bedeutung: nicht der einzelne Sturm, sondern das ewige Gespräch zwischen Wind und Donner, zwischen dem, was die Wolken auseinanderreißt, und dem, was in ihnen aufblitzt.
