Ich hatte den Wecker auf 7 Uhr gestellt, damit ich in Ruhe frühstücken und mich waschen konnte. In der Nacht hatte es geregnet, und ich zweifelte, ob es etwas mit der Wanderung wird. Morgens war es aber trocken, und die Wolkendecke riss hier und da auf.
Am Abend zuvor hatte ich mein Bündelchen schon gepackt: eine Seitentasche meines Rucksacks mit einem Rückenriemen als Tragehalterung, daran mein Survival-Kit, denn man weiß ja nie. Darin waren ein paar Energieriegel, Handschuhe, Mütze und Kompass. Den Traubenzucker durfte ich nicht vergessen.
Um 8 Uhr machte ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle, denn die Wanderung sollte in Aurland starten. Wie zu erwarten, kam der Bus zu spät, er fuhr um 8:40 Uhr statt um 8:30 Uhr. Kurz vor 9 Uhr war ich in Aurland und musste zuerst Geld holen. Die Post öffnete wie in Deutschland exakt um 9 Uhr, keine Sekunde zu früh. Nach dem Papierkram bekam ich ohne Schwierigkeiten mein Geld und verließ um 9:15 Uhr die Post, bereit für neue Taten.
Von Aurland ging es auf einer getrennten Straße nach Fossheim. Diese knapp 2 Kilometer schaffte ich in 15 Minuten. Dann ging es in die Natur. Zum Glück war der Weg markiert, sonst hätte ich nach ein paar Metern umkehren können, denn er war von Himbeersträuchern überwuchert und deshalb sehr schwer zu finden.
Da ich ja an alles gedacht hatte, hatte ich natürlich die Feldflasche im Zelt vergessen. So musste ich die 800 Höhenmeter ohne etwas zu trinken hochkämpfen. Der Kampf lohnte sich aber, denn ich wurde immer wieder mit den tollsten Aussichtsplätzen entlohnt. Beim Aufstieg musste ich aufpassen, nicht auf den nassen Steinen wegzurutschen. Gegen den Durst aß ich Himbeeren von den Sträuchern, die den Weg zuwucherten. Zweimal musste ich den Weg erst suchen, weil er einfach nicht mehr zu sehen war.
Um 10:30 Uhr erreichte ich auf etwa 400 Metern die völlig verfallene Hütte „Berg“, um 11:30 Uhr Bjore auf 700 Metern. Weil es bis hierhin so gut gelaufen war, wollte ich noch höher, bis zum Røyrgrind (1363 Meter). Zeitlich hätte es auch gepasst. Ich kam aber nur bis auf 1000 Meter. Dort blies ein so brutaler Wind, dass ich Handschuhe und Mütze anziehen und die Jacke ganz verschließen musste. Dazu fing es an zu regnen. Ich wusste, dass nur ein Selbstmörder weitergeht, denn durch den Regen wurden die Steine glitschig, und man hätte leicht abrutschen und ein paar Meter, ca. 900 Meter, abstürzen können. Also trat ich den Rückmarsch an.
Ich nahm jetzt die Straße von Bjore nach Aurland, 8 Kilometer. Sie nervte mich total, weil es eine Serpentine war und man das Gefühl hatte, nicht voranzukommen. Während ich so vor mich hin ging, fiel mir ein, dass um 13:30 Uhr ein Bus vorbeikommen müsste, den ich nehmen wollte, um noch nach Flåm zu kommen, denn der Bus von Aurland nach Flåm fährt nur drei oder vier Mal am Tag. Nach etwa 5 Kilometern durch den Regen kam der Bus. Zum Glück wusste ich, dass man ihn durch Ausstrecken der Hand anhalten kann, und tat es.
In Aurland hatte ich 30 Minuten Aufenthalt und nutzte sie, um etwas zu essen zu kaufen. Dabei tat ich einen kleinen Risikokauf, nämlich Milch. Ich hoffte, es wäre normale Vollmilch. Um 14:15 Uhr fuhr ich mit dem Bus zurück nach Flåm.
Auf dem Campingplatz faulenzte ich bis 16:30 Uhr und machte dann ein paar Eierpfannkuchen. Sie schmeckten sehr gut, aber ich hatte mich bei den Mengen verhauen, es wurden viel zu viele. Dazu briet ich etwas Speck, sehr lecker. Um 18 Uhr ging ich ganz, ganz ausgiebig duschen. Um 19 Uhr riss die Wolkendecke auf, und die Wolken verschwanden fast ganz. Daraufhin beschloss ich, am nächsten Tag die große Wandertour zu machen, die mir am Vortag gezeigt worden war. Ob ich wirklich losgehe, hing allerdings vom Wetter ab.
Am Abend hatte ich noch einen Geistesblitz. Bisher hatte ich im Radio nie einen Sender bekommen, aber nachdem ich die Antenne mit meiner Zeltstange verlängert hatte, empfing ich gleich zwei. So war der Abend nicht so öde, denn die Ruhe um mich herum nervte mich nämlich.
Noch etwas zur Milch: Es war natürlich keine Vollmilch, sondern so etwas wie Dickmilch, die etwas säuerlich schmeckt. Im Großen und Ganzen war sie aber nicht übel. Mit etwas Salz aufgepeppt, hatte ich Ayran. Jetzt hoffte ich nur, dass das Wetter morgen besser oder sogar gut wird.