Norwegen (1987) – Tag 06 – Flåm – Wanderung großes Pech und Glück

Ich bin sehr froh, dass dieser Tag vorbei ist. Mein Bedarf an Abenteuern ist völlig gedeckt. Aber der Reihe nach.

Ich stand um 6 Uhr auf, erledigte das Übliche (anziehen, waschen, frühstücken) und ging genau um 7 Uhr los. Vom Campingplatz lief ich in Richtung Myrdal durch das Flåmtal bis zum Bach „Ljosdøla“, wo laut Karte der Wanderweg beginnen sollte. Nach einiger Sucherei fand ich so etwas wie einen Weg. Sicher, dass es der richtige war, war ich erst, nachdem ich mich ein paar Meter durch die Büsche geschlagen hatte. Dann stellte ich erfreut fest, dass er markiert war.

Nach 50 Minuten steilem Aufstieg erreichte ich die erste in der Karte eingezeichnete Hütte. Gegen 10 Uhr kam ich nach einem weiteren steilen Anstieg in ein sehr schönes, flaches Waldstück. Darauf folgte die erste Überraschung: Der Weg ging durch ein Sumpfgebiet auf etwa 1000 Metern. Oft konnte ich ihn nicht benutzen, sonst wäre ich im Dreck versunken.

Nachdem ich mich durchgekämpft hatte, dachte ich, es würde besser, aber da lag ich falsch. Vor mir lag ein Geröllfeld. Hier verlor ich schon einmal den Weg aus den Augen. Ich wusste, dass man mit Geröllfeldern vorsichtig sein muss, und verhielt mich entsprechend. Trotzdem rutschte, ehe ich mich versah, ein Stein unter meinem Schuh weg.

Gegen 11:30 Uhr war das Geröllfeld geschafft, aber jetzt musste ich ein steiles Schneefeld am Ende des Tals überqueren. Ich ging sehr vorsichtig, denn ich hatte keine Lust, den halben Berg hinunterzurutschen. Danach erreichte ich den in der Karte eingezeichneten See auf etwa 1100 Metern. Um 12 Uhr stand ich am Jordalsskavlen und hatte eine ganz tolle Aussicht.

Jetzt war auch der Film im Fotoapparat voll. Wie es sich gehört, wollte die Kamera ihn zurückspulen, aber ohne Erfolg. Sie rupfte so lange am Film, bis er schließlich riss. Guter Rat war teuer. Ich nahm den Film aus der Kamera, steckte ihn in die Innentasche meiner Jacke, um ihn irgendwie dunkel zu halten, und hoffte nur, dass noch ein paar Bilder heil geblieben waren.

Nach dieser Rettungsaktion musste ich weiter, obwohl ich die herrliche Aussicht gern noch genossen hätte. Ich verließ nun den Weg und lief quer durch die Hügellandschaft zum See Vassetvatnet. Dem Weg, den man mir gezeigt hatte, folgte ich nicht, denn er erschien mir zu lang. Stattdessen hielt ich direkt auf den Viddalsfjellet (1418 Meter) zu. Im Prinzip stimmte die Richtung, und es wäre auch kürzer gewesen, wäre da nicht ein tiefer Talkessel gewesen, den ich umgehen musste. In der Ferne sah ich schon den See. Von einem Aussichtspunkt aus wirkte es wie ein Katzensprung, aber wie es so geht: Ich musste durch etliche Täler, bis ich am See war, auf 1072 Metern. Obwohl ich den Talkessel umgehen musste, war mein Weg immer noch etwas kürzer als der ursprünglich vorgesehene.

Am See fand ich den Wanderweg, der am Vassetvatnet entlangführt. Leider war er nicht markiert, und das hatte Folgen. Man sollte meinen, es sei einfach, einem Weg zu folgen, aber nicht dort, denn dort laufen Schafe herum und trampeln Wege, die genauso breit oder sogar breiter sind als der eigentliche Weg.

Am See und durch das Bjørndalen Tal ging es noch ganz gut. Ein paar Schafe schlossen sich mir an, was mich sehr wunderte, denn normalerweise laufen sie weg, wenn sie einen sehen. Diese trotteten immer hinter mir her. Auch auf dem Rückweg musste ich durch ein sumpfiges Gebiet, und ehe ich mich versah, stand ich mit dem rechten Bein bis über das Knie im Morast. Es war eine sehr feuchte Angelegenheit, und ich hatte unter meinem versunkenen Fuß noch keinen Boden gespürt. Ich möchte nicht wissen, wie tief ich hätte einsinken können. Die Steine waren feucht und glatt, ich rutschte ein paar Mal aus und fiel hin. Die Schafe schauten mir ganz verständnislos dabei zu. Etwa einen Kilometer waren sie mir gefolgt, dann blieben sie zurück.

Jetzt begann das Chaos. Ich erreichte eine Gruppe von Häusern, die nicht in der Karte eingezeichnet waren und bei der sich der Weg verzweigte. Ich nahm prompt den falschen, und nach ein paar hundert Metern verlor ich den Weg ganz aus den Augen. Hier den richtigen Weg zu verlassen, ist ganz schön gefährlich, denn auf einmal steht man vor einem Steilhang oder einer steil abfallenden Felswand.

So ging es mir. Von meinem Standort aus sah ich im Tal den richtigen Weg. Ich entschloss mich, den Steilhang hinunterzuklettern, denn ich sagte mir: Wo Birken wachsen können, kannst du auch hinuntergehen. Es klappte. Dann stand ich plötzlich vor einer 15 bis 20 Meter abfallenden Felswand. Obwohl ich mir sagte, ich solle besser zurückgehen, ging ich doch weiter. Zu meiner Freude wurde die Wand niedriger. Als sie nur noch 5 Meter hoch war, betrachtete ich die Sache in Ruhe. Während ich so hockte und überlegte, rutschte ich weg. Ich hielt mich noch an einem Ast fest, aber nicht lange. Es reichte für einen Blick nach unten und die Erkenntnis, dass es etwa 3 Meter bis zur Steinhalde unter mir waren. Dann ließ ich los und fiel hinunter.

Ich kam glücklich unten an und hatte mir nur den Daumen verstaucht. Jetzt merkte ich, dass mir ganz schön die Muffe gegangen war, und war entsprechend erleichtert. Ich suchte gleich wieder den Wanderweg und fand ihn nach einigen Anstrengungen. Ich schwor mir, ihn nicht mehr zu verlassen, aber ehe ich mich versah, hatte ich wieder den falschen genommen. Zum Glück hatte ich in der Ferne eine kleine Hausgruppe gesehen, auf die ich zuhielt. Bis dorthin ging es durch Buschwerk, sumpfiges Gebiet, durch Bäche und was es sonst noch an schönen Dingen gibt.

Insgeheim hoffte ich, dass dort Leute wohnen. Als ich die Häuser erreichte, stellte ich fest: Niemand wohnt hier. Wahrscheinlich sind dort nur einmal im Jahr Leute, wenn die Schafe zusammengetrieben werden. Bei den Hütten hoffte ich, den Weg wiederzufinden, und nach einiger Sucherei fand ich ihn mit Hilfe der Karte.

Ich war inzwischen recht müde, und meine Konzentration ließ merklich nach. Es war etwa 15 Uhr. In der Nähe des Hügels verlor ich den Weg erneut. Ehrlich gesagt war ich nun ziemlich verzweifelt, denn einen Abstieg ohne Weg kann man vergessen. Ich setzte mich hin, studierte die Karte genau und kam zu dem Schluss, dass der Weg ganz in der Nähe sein müsse. Und wirklich: Er verlief ganz in der Nähe. Nachdem ich den „Reset“ hinaufgeklettert war, fand ich ihn wieder. Nun ging es ganz gut, auch wenn ich total kaputt war.

Beim Abstieg hielt ich mich peinlich genau an den Weg und verlief mich trotzdem noch einmal. Diesmal fand ich ihn schnell wieder: Ich stand am oberen Ende eines Geröllfeldes, und der Weg verlief an dessen unterem Ende. Ich musste mich noch einmal zusammenreißen, denn der Weg war verdammt steil, und man musste sich sehr konzentrieren, um nicht auszurutschen.

Gegen 17 Uhr war ich schließlich im Tal, sehr glücklich, dass ich alles so gut überstanden hatte. Bis zum Zeltplatz wären es noch 45 Minuten zu Fuß gewesen, aber ich konnte nicht mehr. Deshalb wollte ich den Rest mit der Bahn fahren.