Wie sich in der Nacht herausstellte, war der Zimmerwechsel ein Fehler. Erst gab es den Lärm vom Gang, dann das stundenlange Geplapper meiner Zimmerkollegen, und das Schlimmste veranstaltete einer der Inder: Er schnarchte so erbärmlich, dass ich dachte, ich gehe kaputt. Keiner meiner Tricks half, deshalb stand ich schon um 7 Uhr auf.
Der Speisesaal war erstaunlich leer, ich konnte in Ruhe essen und ließ mir sehr viel Zeit. Wieder deckte ich mich mit Broten für den Tag ein, packte meinen Rucksack und ging in den Aufenthaltsraum, wo ich mich zum letzten Mal mit den Leuten unterhielt. Auf Wunsch gab ich ein paar Ratschläge, was in Oslo sehenswert ist.
Hyungho wollte in die Stadt fahren und bot mir an, mich mitzunehmen. Einerseits freute ich mich sehr, andererseits ärgerte ich mich, denn ich hatte noch so viele Fahrten auf meinen Straßenbahnkarten übrig. Beim Schultern des Rucksacks merkte ich, dass wieder ein Metallring fehlte, der den Hüftgurt hält. Hyungho gab mir ein Stück Kabel, mit dem ich den Mangel notdürftig behob. In der Stadt setzte er mich am Bahnhof ab, und ich verabschiedete mich von ihm.
Ich tauschte meine letzten 20 DM in Kronen und ging zu den Schließfächern. Das einzige, das für den Rucksack groß genug war, kostete 20 Kronen (etwa 7 DM). Dann ging es in die Stadt. Zuerst besuchte ich noch einmal den Dom, den ich bisher nur von außen gesehen hatte, und erreichte ihn gegen 10:15 Uhr. Von innen war er sehr beeindruckend, ich blieb aber nur kurz.
Dann ging ich zum Postmuseum im 4. Stock des Hauptpostamts. Ich war etwas enttäuscht, denn es bestand nur aus einem Raum, der, so mein Eindruck, mit allerlei Sachen vollgestopft war. Ich ließ es mir trotzdem nicht nehmen, dort eine Stunde zu bleiben. Weil im Postamt nicht genug Büros waren, saßen hier auch ein paar Postangestellte. Eine Frau, die für alles verantwortlich war, zeigte mir dies und das und gab mir kurz vor meinem Gehen noch ein Heft über die Entstehung des Postwesens in Norwegen. Es lagen auch Postkarten zum Mitnehmen aus. Da sie umsonst waren, hatte ich Skrupel, suchte mir dann aber die schönsten heraus. Als ich fast im Gehen war, kamen ein paar Besucher, und das Erste, was sie taten, war, die Postkarten zu kassieren. Ich fand das unmöglich.
Danach ging ich noch einmal zur Festung, denn am Samstag hatte ich nicht viel von ihr gesehen. Von dort sah ich im Hafen ein Luftkissenboot anlegen, es sah imposant aus. Um 11:30 Uhr ging ich ins Innere (5 Kronen). Es war nett anzusehen, wie die Könige gelebt hatten. Zum Schluss besuchte ich die Festungskapelle und traf dort einen Holländer aus der Jugendherberge, mit dem ich etwas sprach.

Beim Verlassen traf ich den Engländer vom Vortag, der mit einem Deutschen unterwegs war. Wir hatten alle Hunger, setzten uns auf eine Bank und aßen etwas. Dabei beschloss ich trotz der Wahnsinnspreise und des Geldmangels, ins Volksmuseum zu fahren (Eintritt 15 Kronen, 5 DM), um mir die Holzhäuser aus allen Teilen und Epochen Norwegens anzusehen. Die beiden wollten auch hin. Gegen 12:50 Uhr gingen wir gemeinsam los. Am Hafen stellten wir fest, dass das nächste Schiff erst um 13:15 Uhr fuhr, setzten uns auf eine Bank und sahen uns um. Dann gingen wir an Bord und ließen uns übersetzen.
Am Museum versuchten wir, als Studenten hineinzukommen, es klappte aber nicht. Ich musste dennoch nur 10 Kronen zahlen, den Preis der Nachsaison. Auf dem Gelände sah ich die schönen Häuser. Der Höhepunkt war die Stabkirche. An dieser Kunst des Kirchenbaus kann ich mich nicht sattsehen. Ein Mitarbeiter erzählte mir, diese Kirchen seien eine Mischung aus Christentum und dem Glauben der Wikinger.

Auf dem Weg hinaus sahen wir einen Straßenstein, der anzeigte, dass es bis zum nächsten Ort 5 Meilen sind. Der Deutsche erklärte mir, das seien keine amerikanischen, sondern skandinavische Meilen, eine entspreche 16 km. Ob es stimmt, weiß ich nicht. Zum Abschluss sah ich mir noch ein Haus an, das sich als Schulhaus herausstellte, und den Teil des Museums mit den Spielsachen. Was mir dort missfiel: Neben den schönen alten Sachen standen Figuren von Playmobil. Ich schüttelte nur den Kopf.
Mit dem Bus fuhren wir zurück in die Stadt. Der Engländer und der Deutsche stiegen ein paar Stationen vor mir aus. Als der Bus in die Nähe des Geschäfts kam, in dem Stephen am Freitag eingekauft hatte, stieg ich aus, um noch ein paar Kleinigkeiten zu kaufen. Ich hatte nur noch 26,50 Kronen und hoffte auf ein kleines Brot, eine Schokolade, 1 Liter Milch und eine 0,33-Liter-Packung Fanta. Ich rechnete immer wieder nach und war fest überzeugt, dass das Geld reichen würde. An der Kasse stellte sich heraus, dass alles zusammen 28,87 Kronen kostete. Was sollte ich tun? Ich spürte, wie ich langsam einen roten Kopf bekam. Ich fragte, ob ich etwas zurückgeben könne, aber die Kassiererin schien nicht recht zu verstehen. Zu meiner großen Freude erklärte sich die Frau hinter mir bereit, den Rest für mich zu bezahlen. Mir fiel ein ganzer Felsbrocken vom Herzen.
Vom Geschäft ging ich zum Bahnhof, wo ich um 16 Uhr ankam, holte meinen Rucksack, verstaute meine Sachen und ging in den Bereich, in dem die Züge abfuhren. Dort wird die Abfahrt wie in Flughäfen angezeigt, und ich hatte ganz schön Probleme damit. Ich konnte beim besten Willen nicht feststellen, wo mein Zug abfuhr, und setzte mich erst einmal auf eine Bank.
Gegen 16:30 Uhr wollte ich zur Bahnhofsinformation und traf einen aus der Jugendherberge. Ich erzählte ihm die Story aus dem Geschäft, und er bot mir an, mir 20 DM zu leihen. Ich lehnte dankbar ab, denn ich brauchte auch kein Geld mehr. An der Information erfuhr ich, dass der Zug von Bahnsteig 11 fährt. Ich wartete dort. Als um 16:45 Uhr die Anzeige am Bahnsteig kam, stand dort, der Zug fahre nach Göteborg, und ich war nicht mehr sicher, ob ich am richtigen Bahnsteig stand. Ich fragte einen alten Mann, der mir sagte, es sei der Zug nach Hamburg. Als er erfuhr, dass ich Deutscher bin, erzählte er gleich, dass er in der Waffen-SS gewesen sei. Zum Glück kam in diesem Augenblick der Zug, und ich hatte ein ganz anderes Abteil als der Mann. Ich war erleichtert. Ich will nicht wissen, was er noch erzählt hätte.
In meinem Abteil saß eine Frau. Während der Fahrt, die um 18 Uhr begann, erfuhr ich, dass sie aus Portugal stammt und schon einige Zeit in Norwegen lebte. Sie ist Fremdsprachenkorrespondentin bei der EG und zog gerade nach Belgien um. Wir redeten sehr lange. Das Abteil sah so aus: Zuerst meint man, es sei ein einfaches Sechs-Personen-Abteil. Als Betten dienten die Sitzflächen und die hochgeklappten Rückenlehnen der Bänke, als weitere Betten zwei Bretter, die dort befestigt waren, wo sonst die Gepäckablage ist. Gegen 22 Uhr haute ich mich, nachdem der Kabinenkellner die Betten aufgebaut hatte, ins Bett.
















