Norwegen (1987) – Tag 16 – Münster – Leider kein Treffen

Irgendwann in der Nacht bekamen wir Verstärkung in der Kabine, wie ich mit einem Auge mitbekam, drei Schwedinnen. Kurz bevor ich einschlief, hatte ich das Gefühl, vom Geschunkel des Zuges seekrank zu werden, aber es legte sich nach und nach. Ich schlief ganz gut, auch wenn ich jeden Halt und das Einschiffen auf die Fähre mitbekam. Kontrolliert wurden wir zum Glück nicht, weil wir Pässe und Fahrkarte dem Kabinenkellner gegeben hatten.

Um 7:30 Uhr war die Nacht für mich vorbei. Um aus der Kabine zu kommen, musste ich ein paar Verrenkungen veranstalten, denn der ganze Raum war mit Rucksäcken zugebaut. Bis Hamburg stand ich auf dem Gang, weil in der Kabine kein Platz war, was mich nicht störte. Wir kamen zwei Minuten früher an als geplant.

Die Portugiesin, sie hieß Helena, hatte so viele Sachen, dass ich ihr beim Tragen half. Wir brachten ihr Gepäck zum richtigen Bahnsteig. Dann suchte ich die Information, um zu erfahren, wann ein Zug nach Münster fuhr. Als ich eine Frau danach fragte, sprach ich Englisch, bis mir plötzlich einfiel, dass ich wieder in Deutschland war und Deutsch reden konnte. Die Frau schaute erst verwundert und skeptisch, gab mir dann aber die Auskunft. Weil mir der Weg zur Information zu weit war, fragte ich einfach einen Schaffner. Dabei stellte sich heraus, dass ich denselben Zug wie Helena nahm, ich ging zu ihr, und sie freute sich, mich zu sehen und dass wir zusammen fuhren.

Der Zug, ein Intercity, fuhr um 8:50 Uhr ab. Zum Glück hatte ich noch 6 DM für den blöden IC-Zuschlag. Helena und ich unterhielten uns während der ganzen Fahrt, und ich erfuhr eine Menge über Norwegen. In Münster kamen wir mit 15 Minuten Verspätung an, und ich verabschiedete mich von ihr.

Als Erstes fragte ich einen Bahnpolizisten, wie ich zur Jugendherberge komme. Er schickte mich zur Information des Verkehrsverbandes vor dem Bahnhof. Dort musste ich lange warten, bis ich drankam. Da der Bus zur Jugendherberge (Nummer 13) gleich fuhr, musste ich mich sputen, aber ich erreichte ihn.

In der Jugendherberge ärgerte ich mich zum ersten Mal, denn vor 12 Uhr geht dort nichts. Ich kam nicht einmal hinein, weil gerade sauber gemacht wurde. Meinen Rucksack durfte ich abstellen und sollte um 12 Uhr wiederkommen. Das störte mich nicht so sehr, denn auf der Fahrt hatte ich einen Traveler-Shop gesehen, den ich nun aufsuchen wollte. Kurz nach 12 Uhr kam ich zurück, und man sagte mir, ich dürfe mich erst um 15 Uhr anmelden. Während ich in der Herberge herumsaß, sprach mich ein Herbergshelfer an und wollte wissen, wo ich herkam. Wie ich erfuhr, war er ein Skandinavienfreak, und es war sehr anregend, mit ihm zu reden.

Um 14 Uhr kam noch jemand in die Herberge, dadurch konnte ich mich schon anmelden. Ich brachte meinen Rucksack aufs Zimmer und machte mich auf den Weg in die Stadt. Ich hatte inzwischen keinen Grund mehr, länger als eine Nacht in Münster zu bleiben, denn meine Kollegin, die ich besuchen wollte, war nicht da.

In der Stadt suchte ich zuerst die Touristikinformation, die ich nach einiger Sucherei fand. Wie unhöflich ich dort behandelt wurde (nicht nur ich), ging mir gegen den Strich, kein Vergleich mit Norwegen. Dann wollte ich mir das Münster ansehen, aber meinen Standort auf der Karte zu finden war nicht einfach, ich stellte mich auch etwas blöd an. Nachdem ich jemanden gefragt hatte, gab ich erst einmal einen meiner Filme zur Entwicklung ab. In diesem Geschäft schockierte ich die Verkäufer. Ich fragte: „Wie lange dauert die Entwicklung?“ „Bis zum nächsten Morgen“, sagten sie. „Wieso so lange?“ „Wo soll es denn schneller gehen?“, fragte einer. „In Siegen …“ „Wir sind hier nicht in Siegen, sondern in Münster.“

Ich ging noch in einige Geschäfte, um dies und jenes anzusehen, setzte mich dann kurz hin und zeichnete in die Karte ein, was ich sehen wollte. Aus der Sightseeing-Tour wurde aber nichts, denn mir machte es mehr Spaß, die Geschäfte anzusehen.

Beim Herumlaufen kam mir eine Idee: Ich hatte Stephen von einem Buch erzählt und machte mich auf die Suche danach. Nach vier oder fünf Buchhandlungen fand ich eine, in der es das Buch auch auf Englisch gab. Danach schlenderte ich durch die Stadt und ging ins Bischöfliche Palais. Dort sollte demnächst eine Orgel eingeweiht werden, zurzeit wurde sie gestimmt. Ich betrachtete sie eine ganze Weile. Die Holzarbeit war sehr schön, die Farben, mit denen sie bemalt war, gefielen mir aber nicht.

Danach setzte ich mich in die Sonne und blätterte in dem neu erworbenen Buch. Dabei beschloss ich, es mir auch anzuschaffen, allerdings auf Deutsch. Als ich es hatte, war es etwa 17 Uhr, und ich fuhr mit dem Bus zurück zur Jugendherberge, da ich dort am Abend essen wollte.

Auf meinem Zimmer sprach ich mit einem Kanadier, der mit dem Fahrrad durch Deutschland fährt. Um 18 Uhr ging ich zum Abendessen, bekam mein Essen aber erst um 18:20 Uhr, weil zuerst die beiden Jugendgruppen abgefertigt werden mussten. Das Essen fand beim besten Willen nicht meine Zustimmung, auf gut Deutsch: Es war miserabel. Es gab panierten Leberkäse, dazu eine warme Banane, Salat aus dem Glas und Salzkartoffeln, selbst die Soße kam aus der Plastikflasche. Eins ist klar: Die 6 DM, die ich bezahlt habe, waren zu viel.

Nach dem „Essen“ nahm ich meine Sachen, um im Aufenthaltsraum noch etwas zu schreiben. In der Jugendherberge waren, wie ich merkte und erfuhr, viele Studenten, die für die Zeit ihres Studiums noch ein Zimmer suchten. Ich kam mit einer sehr netten Jugoslawin ins Gespräch, das heißt, ich erzählte, und sie hörte zu, von meinem Urlaub. Zwischendurch musste sie ihre Sachen aufs Zimmer bringen, und ich war überzeugt, dass sie nicht zurückkommen würde, aber ich täuschte mich. Ich erzählte bis 22:30 Uhr. Was eine Stabkirche ist, konnte ich ihr auf Englisch nicht beschreiben, deshalb versprach ich ihr, ein Bild zu schicken.

Dann wurde es Zeit, in die Falle zu gehen. In meinem Zimmer schliefen schon alle, und obwohl zwei Jugendgruppen in der Herberge waren, schlief ich schnell ein.