Es war in jener Urzeit, als Himmel und Erde noch kaum voneinander geschieden waren. Izanagi und Izanami hatten mit ihrer himmlischen Lanze die ersten Tropfen ins Urmeer gerührt. Daraus entstanden die ersten Inseln des Landes.
Doch über den jungen Küsten lag noch dichter Morgennebel. Er war so schwer, dass die Berge darin verschwammen wie Schatten unter Wasser.

Die beiden Götter wollten ihn vertreiben. Gemeinsam bliesen sie ihren Atem in den Nebel hinein.

Aus diesem Atem entstand ein neuer Gott. Sein Name war Shinatsuhiko. Später nannten ihn die Menschen Fūjin. Kaum geboren, fuhr er schon zwischen den Gipfeln umher. Er zerrte an den Nebelschwaden und riss sie in Fetzen. Zum ersten Mal fiel Sonnenlicht ungehindert auf das junge Land. Es war eine stille, fast spielerische Geburt. Kein Donnern, kein Zorn. Nur das leise Rauschen eines Gottes, der von nun an niemals stillstehen würde.

Das Glück des Schöpferpaares währte nicht lange. Izanami gebar den Feuergott Kagutsuchi. Dabei verbrannte sie sich so schwer, dass sie starb. Ihre Seele sank hinab ins Land Yomi, das dunkle Reich der Toten. Von dort gibt es keine Rückkehr.

Izanagi konnte diesen Verlust nicht ertragen. Er stieg selbst hinab in die Finsternis. In der Halle seiner toten Gattin bat er sie, mit ihm zurückzukehren. Das Land, das sie gemeinsam begonnen hatten, sei noch nicht vollendet, sagte er.
Izanami antwortete ihm aus dem Dunkel. Ihre Stimme klang nicht mehr ganz wie früher. Sie habe bereits von der Speise des Totenlandes gegessen, sagte sie. Deshalb könne sie nicht einfach zurück. Doch sie wolle mit den Göttern von Yomi sprechen. Vielleicht ließe sich noch etwas tun. Nur eine Bitte hatte sie: Er dürfe sie währenddessen nicht ansehen.

Izanagi wartete. Doch die Zeit in der Dunkelheit von Yomi dehnte sich endlos. Seine Geduld, die eines Lichtgottes, erschöpfte sich schließlich. Er brach einen Zahn aus seinem Kamm. Er entzündete ihn als Fackel. Dann trat er in die innerste Halle.
Was er dort sah, ließ sein Blut erstarren. Izanami lag vor ihm, ihr Körper längst verwest, von Maden durchsetzt. Über ihrem Leib hockten acht gewaltige Gestalten. Sie waren aus der Verwesung selbst gewachsen, als hätte der Tod sie geboren.

Auf ihrem Kopf thronte Ō-ikazuchi, der Große Donner. An ihrer Brust glomm Ho-no-ikazuchi, der Feuerdonner. In ihrem Bauch grollte Kuro-ikazuchi, der Schwarze Donner. Aus ihrem Schoß brach Saku-ikazuchi hervor, der Spaltende Donner. An ihrer linken Hand klammerte sich Waka-ikazuchi, der Junge Donner – ungestüm, kaum zu bändigen. An ihrer rechten Hand lag Tsuchi-ikazuchi, der Erddonner. An ihrem linken Fuß kauerte Naru-ikazuchi, der Tönende Donner. Und an ihrem rechten Fuß lag Fusu-ikazuchi, der Liegende Donner, reglos wie ein Sturm, der nur auf seinen Moment wartet.
Acht Donnergötter. Geboren nicht aus Schöpfung, sondern aus Verfall.
Izanagi stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Er wandte sich zur Flucht. Doch dieser Schrei war für Izanami die tiefste Demütigung. „Du hast mich beschämt“, rief sie ihm nach. Ihre Stimme war nicht mehr die einer liebenden Gattin. Sie war die einer zürnenden Totengöttin. Sie befahl den hässlichen Frauen von Yomi, ihn zu jagen.

Izanagi floh durch die endlosen Gänge des Totenlandes. Er riss sich den schwarzen Rebenkranz aus dem Haar und warf ihn hinter sich. Sofort verwandelte er sich in wilde Trauben. Die Verfolgerinnen hielten an, um sie zu essen. Izanagi gewann Zeit.
Als sie wieder näherkamen, brach er die Zähne seines Kamms heraus. Auch sie warf er zu Boden. Daraus wuchsen Bambussprossen. Wieder hielten die Verfolgerinnen inne, um zu essen. Wieder gewann Izanagi Zeit.

Doch Izanami war damit nicht zufrieden. Sie schickte nun die acht Donnergötter selbst. Eintausendfünfhundert Krieger des Totenheeres begleiteten sie. Allen voran lief Waka-ikazuchi, der Junge Donner. Während seine älteren, schwereren Geschwister sich nur langsam durch die Finsternis wälzten, preschte er ungestüm voran. Jeder seiner Schritte ließ die Wände der Unterwelt erzittern. Es war, als hätte sich in ihm aller Zorn seiner Mutter gebündelt. Ein junger Gott, kaum geboren – und doch schon getrieben von einem Hass, der älter war als er selbst.

Izanagi schwang sein Schwert hinter sich, um die Nächsten auf Abstand zu halten. So erreichte er den Fuß des Hügels Yomotsuhirasaka. Dieser Pass trennt das Land der Toten von der Welt der Lebenden. Dort wuchs ein alter Pfirsichbaum.
In höchster Not pflückte Izanagi drei Früchte. Er schleuderte sie den Verfolgern entgegen. Da geschah etwas Seltsames. Die acht Donnergötter blieben mitten im Lauf stehen. Selbst der ungestüme Waka-ikazuchi hielt inne, als hätte ihn eine unsichtbare Kraft zurückgehalten. Die Frucht, seit jeher ein Bann gegen böse Geister, war stärker als ihr Zorn. Langsam, widerwillig wichen sie zurück in die Dunkelheit.

Izanagi dankte den Pfirsichen. Er gab ihnen den Namen Ōkamuzumi no Mikoto. Von nun an sollten sie auch den Menschen in Stunden der Not beistehen, so wie sie ihm beigestanden hatten.
Nur Izanami selbst gab nicht auf. Sie folgte ihm bis an den Fuß des Hügels. Izanagi wälzte daraufhin einen gewaltigen Felsen vor den Eingang des Totenreichs. Eigentlich hätten tausend Männer ihn bewegen müssen. Diesseits und jenseits dieses Felsens standen sich die einstigen Gatten nun gegenüber. Ein Steinblock trennte sie. Und der Tod selbst.

„Mein geliebter Gemahl“, soll Izanami gesagt haben, „wenn du mir das antust, werde ich an jedem Tag tausend Menschen deines Landes sterben lassen.“
Izanagi zögerte nicht. „Wenn du das tust“, erwiderte er, „werde ich an jedem Tag eintausendfünfhundert Geburtshütten errichten lassen.“
Seit jenem Augenblick, so erzählt man, sterben in jedem Land mehr Menschen, als geboren werden. Und doch überwiegt das Leben den Tod. Denn Izanagi versprach mehr, als seine tote Frau verlangte.
Was aber wurde aus Waka-ikazuchi, dem Jungen Donner? Er war von allen Verfolgern der hartnäckigste gewesen. Anders als seine sieben Geschwister zog er sich nicht zurück in die Tiefen von Yomi. Am Fuß des Hügels trieb er noch lange umher. Seine Wut konnte er nicht beruhigen. In die Dunkelheit zurückkehren konnte er auch nicht.

Er war kein reines Geschöpf des Totenreichs mehr. Doch auch kein Gott des Lichts. Ein Wesen dazwischen – geboren aus Verwesung, aber getrieben von einer rohen Energie, die später jeden Sommerhimmel über Japan aufreißen sollte.
So erzählt es die volkstümliche Überlieferung: Über Generationen wanderte dieser ruhelose Donnergott empor in die Wolken selbst. Irgendwann wurde er zu jenem Gott, den die Menschen später Raijin nannten. Den Trommelkranz aus Blitzen um seine Schultern geschlungen, schlug er auf seine Trommeln, sooft ihn der alte Zorn wieder überkam. Dann bebte die Erde.
Und es war ausgerechnet Fūjin, der Windgott, der diesem aus Tod und Zorn geborenen Wesen zum ersten Mal über den Wolken begegnete. Fūjin war geboren aus dem sanften Atem der Schöpfung. Seit jeher zog er ruhelos zwischen den Bergen umher.
Eines Tages spürte er eine Erschütterung in der Luft, die er nicht kannte. Ein Grollen stieg aus den Tiefen der Erde empor. Es trug noch immer den Geruch von Yomi in sich. Fūjin folgte diesem Grollen bis zu den Wolkenbänken über den Bergen von Izumo.

Dort traf er auf Raijin. Mit ungestümen Schlägen bearbeitete dieser gerade seine Trommeln. Die Wolken entzweiten sich. Greller Blitz fuhr auf die Erde herab.
Die beiden Götter maßen sich. Der eine geboren aus reinem, spielerischem Atem. Der andere aus Zerfall und Zorn. Fūjin ließ einen gewaltigen Windstoß aus seinem Sack fahren, um die Wolken zu zerstreuen. Doch Raijin, von seinem alten Groll getrieben, ließ seine Trommeln nur umso wilder erdröhnen. Selbst der Wind geriet kurz ins Stocken.
Tagelang dauerte dieser erste Wettstreit. Über dem Land Izumo herrschte ein Unwetter, wie es die jungen Inseln noch nicht erlebt hatten. Stürme rissen Bäume aus der Erde. Blitz um Blitz riss die Erde auf.

Irgendwann hielten beide erschöpft inne. Sie betrachteten das verwüstete Land unter sich.
Zum ersten Mal erkannte Raijin etwas. Sein alter Zorn aus Yomi entlud sich an genau jenem Land, das Izanagi und Izanami einst mit so viel Mühe geschaffen hatten. Es war ein Land, das auch er sein eigenes nannte – obwohl er aus dem Tod geboren war.
Und Fūjin erkannte etwas anderes. In Raijins ungestümer Wut steckte nicht nur Zerstörung. Sie steckte auch eine Kraft, die das Land brauchte: den reinigenden Regen nach langer Trockenheit, das befruchtende Gewitter, das den Reisfeldern erst ihre Fruchtbarkeit schenkte.

So schlossen die beiden, ohne ein Wort darüber zu verlieren, einen stillen Pakt. Fortan würden sie gemeinsam über den Himmel ziehen. Der eine den Wind, der andere den Donner. Niemals ganz Freunde, niemals ganz Rivalen. Zwei Urkräfte, die einander brauchten, um vollständig zu sein.
So findet man sie bis heute. Einander zugewandt auf ihren Wolkenbändern, an den Toren der Tempel und Schreine. Seit jeher wachen sie über das Land, das einst aus Nebel, Atem und der Trauer eines Gottes um seine tote Gemahlin entstanden war.
