Japan – Kyoto Ujigami Schrein – Göttin des klaren Wassers

Im ersten Licht des Morgens lag ein silbriger Nebel über den sanften Hügeln von Uji, und die Welt wirkte still und beinahe entrückt, als hätte sie den Atem angehalten, während zwischen alten, knorrigen Bäumen ein schmaler Pfad hinauf zu einer verborgenen Quelle führte, unweit des ehrwürdigen Ujigami-Schrein, dessen alter Holzbau im Dämmerlicht kaum mehr war als ein Schatten zwischen den Zweigen.

Für Aoi begann hier jeder Tag, lange bevor das erste Sonnenlicht den Boden berührte, denn sie trug ihren schlichten Tonkrug mit ruhigen, beinahe lautlosen Schritten den Pfad hinauf, als gehöre sie selbst zu dieser stillen Landschaft, die sie umgab.

Es war nicht nur Gewohnheit, die sie hierher führte, sondern ein Gefühl tiefer Verbundenheit, das sie nie ganz in Worte fassen konnte, und so blieb sie wie jeden Morgen einen Augenblick stehen, neigte leicht den Kopf und sprach leise in die Stille hinein: „Guten Morgen“, als würde sie jemanden grüßen, den nur sie wahrnehmen konnte.

Die Quelle lag ruhig vor ihr, klar und unbewegt, und spiegelte die ersten hellen Streifen des Himmels ebenso wie die dunklen Konturen der Äste darüber, sodass sich Himmel und Erde in ihrer Tiefe zu berühren schienen, und als Aoi sich hinabbeugte, um Wasser zu schöpfen, begegnete ihr zunächst nur ihr eigenes Spiegelbild, vertraut und unscheinbar, doch in dem Moment, als sie den Krug eintauchen wollte, zögerte sie unwillkürlich, weil etwas nicht stimmte.

Es war keine offensichtliche Veränderung, kein plötzliches Geräusch oder eine Bewegung, sondern ein kaum merklicher Unterschied, ein Gefühl, dass das Bild im Wasser ihr nicht ganz gehörte, und als sie langsam die Hand hob, folgte ihr Spiegelbild dieser Bewegung erst einen Herzschlag später, als würde es überlegen oder zögern, und dieses winzige, aber unbestreitbare Auseinanderfallen ließ ihr Herz schneller schlagen.

Dennoch wich sie nicht zurück, sondern beugte sich näher heran, ihre Augen fest auf die Wasseroberfläche gerichtet, und flüsterte mit einer Mischung aus Unsicherheit und Mut: „Wer bist du?“, woraufhin sich die glatte Fläche leicht kräuselte, als hätte sie auf ihre Stimme reagiert, und sich dann wieder beruhigte, doch das Gesicht, das ihr nun entgegenblickte, war nicht mehr ganz ihr eigenes, denn in seinen Zügen lag etwas Fremdes, etwas Älteres, und ein sanftes, wissendes Lächeln erschien auf Lippen, die sich nicht nach ihrem Willen bewegten.

Die Stimme, die nun erklang, war leise und klar zugleich, als käme sie aus der Tiefe der Quelle und aus Aois Innerem gleichzeitig, und sie sagte: „Ich bin die Hüterin dieses Wassers“, wodurch sich die Welt für einen Moment zu verändern schien, als hätte jemand eine unsichtbare Grenze überschritten, die bislang zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen bestanden hatte, und obwohl ein Schauer durch Aois Körper lief, war es keine lähmende Angst, sondern vielmehr eine tiefe Ehrfurcht, die sie an Ort und Stelle hielt.

Als sie vorsichtig fragte, ob sie es mit einem Kami zu tun habe, antwortete die Erscheinung nicht direkt, sondern ließ ihr Bild im Wasser klarer und lebendiger werden, sodass sich die Gestalt einer Frau abzeichnete, deren Haar wie fließendes Licht wirkte und deren Augen eine Ruhe ausstrahlten, die weit über die Welt der Menschen hinausging. Doch in dieser Ruhe lag auch eine Spur von Traurigkeit, die sich verstärkte, als die Kami erklärte, dass das Wasser leide, weil die Menschen vergessen hätten, was es bedeutete, in Einklang mit der Natur zu leben, da sie nahmen, ohne zu danken, verschmutzten, ohne zu sehen, und das leise Flüstern der Welt nicht mehr hörten.

Diese Worte trafen Aoi unerwartet tief, denn sie erkannte darin Wahrheiten, die sie selbst nur vage gespürt hatte, und als sie schließlich fragte, was sie tun könne, antwortete die Kami mit einer Einfachheit, die schwerer wog als jede lange Erklärung: „Erinnere sie“, bevor sich ihr Bild auflöste und die Wasseroberfläche wieder still und durchsichtig wurde, als wäre nichts geschehen.

Mit diesen Worten im Herzen kehrte Aoi ins Dorf zurück, doch die Ruhe, die sie sonst empfand, war verschwunden, ersetzt durch ein drängendes Gefühl von Verantwortung, das sie nicht abschütteln konnte, und obwohl sie wusste, dass ihre Stimme klein war und leicht überhört werden konnte, stellte sie sich am nächsten Tag dennoch auf den Dorfplatz, wo die Menschen ihren täglichen Tätigkeiten nachgingen, miteinander sprachen und sie zunächst kaum beachteten.

Als sie begann, von der Quelle und der Kami zu erzählen, begegneten ihr Zweifel und leises Lachen, doch sie ließ sich nicht beirren, sondern sprach weiter, fester und klarer, bis sich allmählich mehr Menschen zu ihr umwandten, angezogen von etwas, das über bloße Worte hinausging.

Schließlich trat eine alte Frau hervor, deren Blick ruhig und durchdringend war, und fragte, was Aoi von ihnen verlangte, woraufhin Aoi erklärte, dass sie die Quelle reinigen und wieder ehren müssten, so wie es früher getan worden war, und in diesem Moment entstand eine spürbare Stille, als würde eine vergessene Erinnerung durch die Menge gehen, die langsam in den Köpfen der Menschen Gestalt annahm, bis die alte Frau schließlich nickte und leise bestätigte, dass es tatsächlich einst so gewesen sei, wodurch der erste Schritt getan war und sich nach und nach weitere Dorfbewoh

Am folgenden Morgen versammelten sie sich gemeinsam an der Quelle, und obwohl ihre Schritte schwerer waren als Aois leichte Gewohnheitsschritte, lag in ihrer Anwesenheit eine neue Ernsthaftigkeit, die den Ort veränderte, noch bevor die Arbeit begann, denn ohne viele Worte machten sie sich daran, den Bereich zu säubern, entfernten Schmutz und Ablagerungen, ordneten die Steine neu und brachten Blumen sowie kleine Opfergaben zum Schrein, sodass aus einer vernachlässigten Stelle wieder ein Ort wurde, der Würde und Ruhe ausstrahlte.

Während sie arbeiteten, war die Luft erfüllt von einem stillen Einvernehmen, das kaum ausgesprochen werden musste, und Aoi bewegte sich unter ihnen mit wachsender Hoffnung, auch wenn ein Teil von ihr fürchtete, dass all dies vielleicht nicht ausreichen würde.

Als die Sonne schließlich hoch am Himmel stand und die Arbeit getan war, lag die Quelle wieder klar und unberührt da, doch zunächst blieb alles still, und diese Stille dehnte sich aus, bis sie fast schwer wurde, als würde die Welt selbst zögern, bevor sie antwortete.

Dann jedoch erhob sich ein Wind, zunächst sanft, dann stärker werdend, sodass die Blätter in den Bäumen zu rauschen begannen, und mit diesem Geräusch schien sich etwas Unsichtbares zu lösen, denn die Wasseroberfläche kräuselte sich und begann zu leuchten, ein klares, reines Licht, das aus der Tiefe aufstieg und die Quelle in einen lebendigen Spiegel verwandelte, in dem sich erneut die Gestalt der Kami zeigte, diesmal deutlich und für alle sichtbar.

Ein Raunen ging durch die Menge, einige sanken instinktiv auf die Knie, während andere reglos stehen blieben, gefangen in dem Anblick, der sich ihnen bot, und die Kami lächelte mit einer Wärme, die sowohl Trost als auch Anerkennung in sich trug, bevor ihre Stimme erklang, getragen vom Wind und vom Wasser zugleich: „Ihr habt euch erinnert.“ In diesem Moment begann das Wasser zu fließen, klarer und lebendiger als je zuvor, und das Licht darin schien sich in jede Bewegung einzuschreiben, als würde es die Welt selbst erneuern.

Als Aoi einen Schritt näher trat und leise fragte, ob die Kami bleiben würde, antwortete diese mit sanfter Gewissheit, dass sie niemals fort gewesen sei, sondern nur darauf gewartet habe, wieder wahrgenommen zu werden, bevor ihre Gestalt langsam verblasste und das Licht sich in der Quelle verlor.

Mit der Zeit kehrte der Alltag ins Dorf zurück, doch etwas hatte sich unwiderruflich verändert, denn die Menschen behandelten die Quelle nun mit einer Achtsamkeit, die aus echter Einsicht entstand, und Aoi selbst wuchs heran, wurde älter und schließlich zu einer stillen Hüterin dieses Wissens, das sie an die nächsten Generationen weitergab.

Oft führte sie junge Dorfbewohner zur Quelle, erzählte ihnen nicht nur von dem, was geschehen war, sondern auch davon, was es bedeutete, wirklich zu sehen und zu hören, und an einem stillen Morgen, viele Jahre später, stand sie erneut allein am Wasser, beugte sich hinab und berührte die kühle, klare Oberfläche, in der sich für einen flüchtigen Moment ein vertrautes Lächeln zeigte, so sanft und sicher, dass sie ohne Zögern zurücklächelte, denn sie wusste nun, dass die Göttin des klaren Wassers niemals verschwunden war, sondern immer da gewesen war, verborgen im Fluss der Dinge, wartend darauf, dass die Menschen sich erinnern und wieder lernen, im Einklang mit der Welt zu leben.

Ein paar Bilder von diesem
magischen Ort
in Kyoto
Ujigami Schrein
(宇治上神社)