Wer am Strand steht, wenn der Himmel sich verdunkelt und die Wellen plötzlich höher steigen, ahnt etwas von dem, was die Menschen Japans seit Jahrtausenden über das Meer dachten: Es ist nie nur Wasser. Es ist ein Wille, eine Stimmung, manchmal eine Gnade, manchmal ein Zorn. Tief unter der Oberfläche, so erzählten die Alten, liegt ein Palast aus Korallen und Fischschuppen, in dem ein Herrscher wohnt, dessen Atem die Gezeiten bewegt und dessen Laune über Fischfang und Sturm entscheidet. Dieser Herrscher ist Ryūjin, der Drachenkönig des Meeres.

Ryūjin ist keine einzelne, klar umrissene Figur wie etwa Amaterasu oder Susanoo, sondern eher ein Name, unter dem sich viele Schichten des Glaubens versammelt haben. In den ältesten Quellen, dem Kojiki und dem Nihon Shoki, taucht er nicht unter diesem Namen auf, sondern als Ōwatatsumi, der große Gott der See, der Herr über das Meeresreich, das den Menschen als unermesslich und fremd erschien.

Erst später, als aus China die Vorstellung des Drachen als Herrscher über Wasser und Regen nach Japan kam, verschmolz dieser alte Meeresgott mit dem Drachenbild – und aus Ōwatatsumi wurde, in der Vorstellung vieler Generationen, Ryūjin, der Drache, der das Meer regiert. Hinzu kam später noch eine dritte Wurzel: der buddhistische Glaube an die Nāga, indische Schlangenkönige, die als Beschützer des Gesetzes verehrt wurden und in Japan zu den Acht Großen Drachenkönigen wurden. So ist Ryūjin das Ergebnis einer langen Vermischung – uralter heimischer Schlangen- und Wasserkult, chinesisches Drachenbild, buddhistische Naga-Verehrung – die sich zu einer einzigen, vielgestaltigen Gottheit zusammengefügt haben.
Die stärkste und berührendste Geschichte, die von Ryūjins Reich erzählt, ist die von Yamasachihiko und seiner Brautwerbung um die Tochter des Meeresgottes. Yamasachihiko, ein Enkel der Sonnengöttin, hatte den kostbaren Angelhaken seines älteren Bruders verloren und geriet darüber in tiefe Verzweiflung. Ein alter Gott des Salzes führte ihn schließlich hinab, in einem kleinen Boot über die Wellen, bis zum Tor des Meerespalastes.

Dort wartete er an einem Brunnen, und die Tochter des Drachenkönigs, Toyotama-hime, kam heraus, um Wasser zu schöpfen. Die beiden verliebten sich, der Meeresgott selbst hieß den Fremden willkommen, fand mit Hilfe der Fische den verlorenen Haken wieder, und Yamasachihiko blieb drei Jahre lang glücklich im Palast unter den Wellen. Als die Sehnsucht nach der Oberwelt ihn schließlich zurückrief, gab ihm Toyotama-hime zwei magische Perlen mit, die Flut und Ebbe befehlen konnten, und folgte ihm bald darauf selbst an Land, denn sie war schwanger. Sie bat ihn, beim Bau der Geburtshütte nicht hineinzusehen – Wesen aus ihrer Welt, sagte sie, nähmen im Moment der Geburt ihre wahre Gestalt an.

Yamasachihiko aber konnte seine Neugier nicht beherrschen und blickte hinein. Was er sah, war kein Mensch, sondern eine riesige, sich windende Drachen- oder Haifischgestalt – die wahre Form seiner Frau. Beschämt, entdeckt worden zu sein, verließ Toyotama-hime ihr Kind und kehrte für immer ins Meer zurück, verschloss sogar den Pfad zwischen den beiden Welten. Das zurückgelassene Kind aber wurde, über seine Mutter und deren Schwester Tamayori-hime, zum Großvater des ersten Kaisers Japans – das Blut des Drachenkönigs floss damit, so will es der Mythos, in die kaiserliche Linie selbst ein.

In der Kunst und in den Schreinen tritt Ryūjin meist in einer von zwei Gestalten auf: als gewaltiger, schlangenförmiger Drache mit Hirschgeweih-artigen Hörnern, langen Schnurrbarthaaren, vier Klauenfüßen und einem schuppigen, sich windenden Leib, oder als würdevoller, alter Mann mit langem weißen Bart, gekleidet wie ein Hofadliger, der über ein unterseeisches Königreich herrscht. In beiden Formen hält er häufig eine leuchtende Perle in der Klaue oder Hand – das Nyoi-Juwel, das Wünsche erfüllt, oder die Gezeitenperlen, die Ebbe und Flut steuern.

Tempel- und Schreinschnitzereien zeigen ihn oft inmitten von Wolken oder Wellen, manchmal mit der für Drachen typischen umgekehrten Schuppe unter dem Kinn, deren Berührung – so die Legende – seinen unbändigen Zorn entfacht. Schreine, die dem Regen- und Wasserkult gewidmet sind, opfern ihm traditionell schwarze Pferde bei Dürre und weiße Pferde bei Dauerregen, ein Brauch, dem man sogar den Ursprung der heutigen hölzernen Wunschtäfelchen zuschreibt.
Eng verbunden ist Ryūjin mit Benzaiten, der Göttin der Musik, des Wissens und des Glücks, die selbst als Wassergottheit gilt. Eine berühmte Erzählung von der Insel Enoshima schildert, wie ein wilder, fünfköpfiger Drache einst eine Bucht bei Kamakura terrorisierte, bis eine vom Himmel herabsteigende Himmelsfrau – Benzaiten – ihn mit ihrer Schönheit bezwang. Sie wies seine Werbung zunächst zurück, da er Böses getan hatte, nahm ihn aber an, als er Besserung gelobte; seither schützt der geläuterte Drache als Schreingott die Küste, während Benzaiten auf der gegenüberliegenden Insel verehrt wird – zwei Heiligtümer, die bis heute als Ehepaar gelten. Diese Geschichte zeigt, wie eng Drache und Wassergöttin in der japanischen Vorstellung verwoben sind: Wo Wasser ist, ist der Drache nicht weit, und wo der Drache gezähmt wird, erscheint oft eine weibliche, versöhnende Gottheit an seiner Seite.

Bis heute ist Ryūjin keine vergessene Figur eines fernen Altertums. Fischer und Seeleute beten noch immer an Drachenschreinen entlang der Küste um sichere Fahrt und reichen Fang, Bauern wenden sich bei Trockenheit an ihn um Regen, und in zahllosen Festen wird sein Bild – als geschnitzter Drachenkopf, als gemalte Woge, als gewundene Statue im Tempelhof – getragen und verehrt. Ryūjin steht für eine Wahrheit, die sich seit der Zeit der ersten Fischerboote kaum verändert hat: Das Meer gibt und nimmt, und wer auf ihm lebt, tut gut daran, seinem Herrscher mit Respekt zu begegnen.
