Japan – Gut zu Wissen – Was bedeutet Shu (取) (Upādāna)

Es war einmal ein König namens Setta, der eines Morgens aufwachte und feststellte, dass er litt. Nicht an einer bestimmten Sache – nicht an Hunger, nicht an einer Wunde, nicht an einem Verlust, den er hätte benennen können –, sondern an etwas Grundsätzlicherem, das sich wie ein feiner Riss durch sein ganzes Leben zog. Also tat Setta das, was Könige in solchen Geschichten tun: Er legte seine Gewänder ab, nahm einen einfachen Stab und verließ seinen Palast, um dem Leiden auf den Grund zu gehen. Er wollte wissen, woher es kam.

Der Weg führte ihn aus den Reisfeldern hinaus in eine Landschaft, die mit jedem Schritt kahler wurde, bis die Bäume verschwanden und nur noch grauer, rissiger Boden übrigblieb. Dort, an der Grenze zwischen bebautem Land und Einöde, trat ihm die erste Gestalt entgegen. Sie war hager bis auf die Knochen, ihre Haut wie vertrocknetes Leder, und wo sie ging, hinterließ sie Fußspuren, die sofort wieder zu Staub zerfielen. „Ich bin Rōshi“, sagte sie, „Alter und Tod. Jeden, den du kennst, nehme ich mir am Ende, ganz gleich, wie sehr er sich wehrt.“ Setta, der genau davor solche Angst hatte, dass er sie kaum aussprechen konnte, fragte: „Warum bist du hier? Warum musst du überhaupt existieren?“ Und Rōshi lächelte, so gut es ein Wesen ohne rechte Lippen vermag, und antwortete: „Frag nicht mich. Frag den, der mich hervorbringt. Geh weiter, dorthin, wo der Boden noch rissiger wird.“

Setta ging weiter, und die Landschaft wurde tatsächlich noch trostloser. Bald hörte er ein Wimmern, das sich wie das erste Schreien eines Neugeborenen anhörte, nur endlos wiederholt, wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Die Gestalt, die dort auf ihn wartete, war seltsam formlos, ständig im Begriff, sich neu zusammenzusetzen, als könnte sie sich nie entscheiden, welche Gestalt sie eigentlich haben wollte. „Ich bin Shō“, sagte sie, „die Geburt. Ich lasse niemanden zur Ruhe kommen. Kaum ist ein Leben zu Ende, dränge ich schon in das nächste hinein.“ Setta, mittlerweile mehr erschöpft als erschrocken, stellte dieselbe Frage wie zuvor: „Und woher kommst du?“ – „Von dem, der mich formt, bevor ich überhaupt geboren werde. Folge dem Pfad noch ein Stück weiter.“

Der nächste Abschnitt des Weges führte durch eine Gegend, in der die Luft flirrte, als stünde sie unter Strom. Hier trat ihm ein Wesen entgegen, das sich ständig veränderte – mal wirkte es begehrlich und gierig, mal streng und asketisch, mal schwerelos wie Nebel. „Ich bin U“, sagte es, „das Werden. Ich bin nicht eine Sache, sondern drei zugleich: das Dasein in der Welt der Begierden, das Dasein in der Welt der reinen Formen, das Dasein in der formlosen Welt. Welche Existenz du auch führst – ich bin ihre Grundlage.“ Setta begann zu ahnen, dass diese Reise kein Ende finden würde, solange er nicht tiefer ging, und fragte auch dieses Wesen nach seinem Ursprung. „Weiter“, war die Antwort. „Dahinter wartet etwas, das du sicher schon einmal an dir selbst gespürt hast.“

Und tatsächlich, kaum hatte Setta die nächste Wegbiegung erreicht, erkannte er das Wesen, das dort auf ihn wartete, fast wie einen alten Bekannten. Es hatte viele Arme, mehr als er zählen konnte, und jeder einzelne davon hielt etwas fest umklammert – einen Gegenstand, eine Erinnerung, eine Meinung, sogar ein Spiegelbild seiner selbst. „Ich bin Shu“, sagte es mit einer Stimme, die vor lauter Anstrengung zitterte, weil sie ununterbrochen festhielt. „Man nennt mich das Anhaften, und ich trage vier Gesichter. Mit dem einen Arm klammere ich mich an Sinnesgenüsse, das nennt man yokushu.

Mit dem zweiten halte ich an Meinungen fest, selbst wenn sie falsch sind – kenshu. Mit dem dritten umklammere ich leere Regeln und Rituale, nur weil sie vertraut sind – kaigonshu. Und mit dem vierten, dem hartnäckigsten von allen, halte ich an der Vorstellung fest, dass es ein festes, unveränderliches Ich gibt, das man beschützen müsste – gogoshu.“ Setta betrachtete seine eigenen Hände und bemerkte zum ersten Mal, wie sehr auch er ständig etwas festhielt, ohne es überhaupt zu bemerken. „Und woher nimmst du deine Kraft?“, fragte er leise. Shu lockerte für einen Moment den Griff, gerade genug, um zu antworten: „Von dem, was zuerst kommt und mich unwiderstehlich macht. Er wartet gleich hinter mir.“

Dort wartete tatsächlich eine Gestalt, die auf den ersten Blick beinahe schön wirkte – verführerisch, mit einer Stimme so süß, dass Setta unwillkürlich einen Schritt auf sie zu machte, bevor er sich besann. „Ich bin Ai“, sagte sie, „das Verlangen, manche nennen mich auch Durst. Ich flüstere jedem etwas Angenehmes ins Ohr, und wer mir folgt, läuft direkt in die Arme von Shu, den du gerade kennengelernt hast.“ Setta, der spürte, wie sehr ihn diese Stimme trotz aller Vorsicht anzog, fragte auch sie nach ihrem Ursprung. „Ich entstehe aus etwas, das jeder Mensch ständig in sich trägt, ohne groß darüber nachzudenken“, sagte Ai. „Geh weiter, und du wirst es finden.“

Der Weg führte nun an einen Ort, an dem drei kleine, freundlich wirkende Gestalten nebeneinandersaßen, jede mit einem anderen Gesichtsausdruck – eine lächelte, eine weinte, eine blickte gleichgültig ins Leere. „Wir sind gemeinsam Ju“, sagten sie wie aus einem Mund, „die Empfindung. Jedem Eindruck, der dich erreicht, kleben wir sofort ein Etikett auf: angenehm, unangenehm oder neutral. Aus diesem Etikett wächst dann das Verlangen, das du gerade getroffen hast.“ Setta, der langsam ein Muster in dieser Reise erkannte, fragte auch hier weiter, und die drei Gestalten deuteten gemeinsam auf einen schmalen Pfad, der zwischen zwei Felsen hindurchführte.

Genau dort, wo die Felsen sich beinahe berührten, stand ein Wesen mit ausgestreckten Händen, als wollte es ständig etwas ergreifen, das gerade erst in Reichweite kam. „Ich bin Soku“, sagte es, „die Berührung, der Augenblick, in dem Sinn und Sinnesobjekt zum ersten Mal aufeinandertreffen, wie zwei Fremde, die sich flüchtig ansehen. Ohne mich gäbe es für dich gar nichts zu empfinden.“ Setta blickte an sich herunter und bemerkte plötzlich, wie viele solcher Berührungen gerade gleichzeitig stattfanden – der Wind auf seiner Haut, der Staub unter seinen Füßen, das Licht in seinen Augen –, und fragte, woher all das komme.

Die Antwort wartete nur wenige Schritte weiter in Gestalt eines sechsäugigen, sechsohrigen Wesens, das an allen Seiten gleichzeitig zu lauschen und zu blicken schien. „Ich bin Rokusho“, sagte es mit sechs leicht versetzten Stimmen, „die sechs Sinnesfelder – Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist. Ich bin das Tor, durch das die ganze Welt überhaupt erst zu dir hereinströmen kann.“ Setta, dem inzwischen schwindlig wurde von so vielen Toren auf einmal, fragte, wie es dazu komme, dass ein Wesen überhaupt sechs solche Tore besitze.

Die Antwort fand er wenig später an einem Ort, der ihn an nichts erinnerte, was er je gesehen hatte – eine Zwischenwelt, in der Formen sich gerade erst aus Nebel zu verdichten schienen. Ein Wesen, halb Schatten, halb zarter Umriss, wartete dort. „Ich bin Myōshiki“, flüsterte es, „Name-und-Form, das früheste Verweben von Geist und Körper, noch bevor überhaupt Augen oder Ohren richtig ausgeformt sind. In mir beginnt das, was später einmal ,du‘ heißen wird.“ Setta spürte eine Gänsehaut, die nichts mit der kühlen Luft zu tun hatte, und fragte, was diesem Wesen selbst vorausgehe.

Dahinter, in einem Dunkel, das keinen Boden und keine Decke zu haben schien, begegnete er einer Gestalt, die aussah wie ein winziger, treibender Same, der von einem unsichtbaren Wind immer weitergetragen wurde. „Ich bin Shiki“, sagte er, „das Bewusstsein. Ich bin der Faden, der von einem Leben ins nächste reicht, der Same, der sich, kaum ist ein Leben zu Ende, sofort in neuen Boden pflanzt.“ Setta, der nun schon seit Stunden – oder war es Jahren? – durch diese immer unwirklichere Landschaft wanderte, fragte, was diesen Samen überhaupt erst wandern lasse.

Und dort, kurz bevor die Dunkelheit vollständig wurde, sah er Fußspuren im Boden – nicht seine eigenen, sondern alte, längst verwehte Abdrücke, die trotzdem noch sichtbar waren. Ein Wesen, das aus lauter solchen Abdrücken zu bestehen schien, richtete sich vor ihm auf. „Ich bin Gyō“, sagte es, „die Gestaltungskräfte, die Prägungen aus früheren Taten, die zurückbleiben wie Fußspuren im Sand, lange nachdem der Wanderer selbst weitergezogen ist. Aus mir entsteht das Bewusstsein, das du gerade getroffen hast.“ Setta blickte auf seine eigenen Spuren hinter sich und fragte mit belegter Stimme, was denn all diese Prägungen erst auslöse.

Und dann, ganz am Ende des Weges, an einem Ort, an dem selbst das Dunkel noch dunkler zu werden schien, wartete der zwölfte und letzte Dämon. Er hatte kein festes Gesicht – jedes Mal, wenn Setta hinsah, verschwamm es zu etwas anderem, und genau das war das Erschreckendste an ihm. „Ich bin Mumyō“, sagte er, „die Unwissenheit. Ich bin nicht bösartig, ich bin nur blind – ein Nichtwissen darüber, wie die Dinge wirklich beschaffen sind. Aus mir sind alle elf, denen du bisher begegnet bist, hervorgegangen, einer nach dem anderen, wie eine Kette von Dominosteinen. Ich bin der erste Stein.“ Setta, der nun endlich verstand, warum er überhaupt gelitten hatte, fragte, ob es einen Weg gebe, diesen einen, ersten Stein umzuwerfen, ohne dass die ganze Kette ihn mitreißen würde. Und Mumyō, zum ersten Mal auf dieser ganzen Reise, hatte keine Antwort mehr parat, mit der er hätte weiterverweisen können – denn hinter ihm war nichts mehr. Setta erkannte, dass er, indem er die Unwissenheit selbst klar erblickt hatte, ihr bereits einen Teil ihrer Macht genommen hatte. Die Kette begann zu zittern, ein Dämon nach dem anderen löste sich auf wie Nebel im Morgenlicht, bis von der ganzen Prozession nichts mehr übrig war als der leere, graue Weg.

Diese Geschichte stammt aus einem alten Sutrenwerk namens Mumyō Rasetsu-shū (無明羅刹集), und in Japan wurde sie mehrfach als Bildrolle festgehalten, als Jūni-innen emaki (十二因縁絵巻) – „Bildrolle der zwölf Glieder der Verursachung“. Erhaltene Fassungen, etwa jene im Nezu-Museum in Tokyo, zeigen Settas Begegnungen in schnellen, lebendigen Tuschelinien mit zarter Kolorierung, dazu chinesische Textzeilen mit japanischen Lesehilfen. Man vermutet, dass buddhistische Bildmönche, sogenannte e-busshi (絵仏師), solche Rollen für den bildgestützten Tempelvortrag anfertigten, das e-toki (絵解き) – eine Art Bildervortrag für Menschen, die mit trockener Fachterminologie wenig anfangen konnten, mit einer guten Geschichte über einen wandernden König aber sehr wohl.

Denn hinter der Geschichte steckt eine der zentralen Lehren des Buddhismus, die jūni-innen (十二因縁), die „zwölf Glieder der bedingten Entstehung“: eine Kette, in der jedes Glied das nächste hervorbringt, von der Unwissenheit bis zu Alter und Tod, und die der Überlieferung nach der Buddha unter dem Bodhi-Baum in genau dieser Reihenfolge durchschaute – und auch rückwärts, so wie Setta sie erlebt, von der letzten Folge bis zur ersten Ursache. Shu, das Anhaften, ist darin nur eines von zwölf Gliedern, aber ein besonders anschauliches: Es ist der Punkt in der Kette, an dem aus bloßem Verlangen ein aktives Festhalten wird, ein Griff, der nicht mehr loslassen will.

Eine bildliche Verwandtschaft findet dieser Griff bei Fudō Myō-ō (不動明王), dem „unerschütterlichen König der Weisheit“, einer der zentralen Schutzfiguren der esoterischen Schulen Shingon und Tendai. In seiner rechten Hand führt er ein Schwert, um das sich oft ein Drache windet, das sogenannte Kurikara-Schwert, mit dem er, von Flammen umgeben, Gier, Hass und Verblendung durchtrennt – und mit ihnen jenes Anhaften, das aus ihnen erwächst. Wo Shu in der Bildrolle als Dämon auftritt, den man besiegen muss, erscheint dieselbe Kraft bei Fudō Myō-ō von der anderen Seite: als das, was seine Klinge zerschneidet.

Bis heute hat Shu seinen Platz im Alltag behalten, auch ohne Dämonenmaske. In zeitgenössischen buddhistischen Ratgebertexten wird die neunte Stufe der Kette gern als kleine, ganz undramatische Übung übersetzt: die stille Frage, ob man gerade etwas unbedingt so haben will, wie man es sich vorstellt. Manche Kommentatoren sehen darin eine verblüffende Nähe zu moderner Achtsamkeitspraxis. König Setta musste dafür bis ans Ende der Welt wandern und zwölf Dämonen befragen – wer heute genauer hinschaut, findet denselben Griff womöglich schon im nächsten Moment des eigenen Tages.