Japan – Gut zu Wissen – Wer ist Tsukuyomi (月読命)

Stell dir vor, du stehst in einer mondlosen Herbstnacht irgendwo auf dem japanischen Land, weit genug von jeder Stadt, dass der Himmel sich schwer und dunkel über dir wölbt. Dann schiebt sich langsam die Scheibe des Mondes hinter einer Wolke hervor, und mit einem Mal hat die Welt eine andere Qualität – nicht erleuchtet, aber sichtbar gemacht. Das Dunkel hat sich nicht aufgelöst, es hat nur eine Form angenommen. So ungefähr lässt sich das Wesen der Gottheit beschreiben, die die Japaner Tsukuyomi-no-Mikoto nennen: nicht Licht, nicht Finsternis, sondern jene merkwürdige Zwischensphäre, in der das eine aufhört und das andere noch nicht begonnen hat.

Tsukuyomi (月読命) – der Name setzt sich aus den altjapanischen Wörtern für Mond und Zählen beziehungsweise Lesen zusammen, also in etwa „der den Mond liest“ – ist der Mondgott im Shintō, jener jahrtausendealten japanischen Naturreligion, in der Götter, sogenannte Kami, in allem Lebendigen und Nichtlebendigen wohnen können. Der Name verweist dabei auf eine sehr konkrete Funktion: das Ablesen der Mondphasen zur Zeitbestimmung, also die Grundlage des Mondkalenders, nach dem das bäuerliche Japan jahrhundertelang seinen Alltag ausrichtete. Tsukuyomi gilt als zweites der drei Kinder des Schöpfergottes Izanagi, als Geschwister der Sonnengöttin Amaterasu und des Sturmgottes Susanoo. Diese drei bilden die sogenannten Mihashira-no-Uzu-no-Miko, die „drei edlen Kinder“, und stehen gemeinsam im Zentrum des shintoistischen Götterhimmels.

Seine Geburt ist, wie so vieles an ihm, an einen Moment des Übergangs gebunden. Nach der Version des Kojiki – dem ältesten verschriftlichten Mythenwerk Japans aus dem Jahr 712 – entstand Tsukuyomi, als der Schöpfergott Izanagi nach einer Reise in die Unterwelt sein Gesicht im Wasser reinigte. Das linke Auge gebar dabei Amaterasu, die Sonne, das rechte Auge Tsukuyomi, den Mond. Die Symmetrie ist kaum zufällig: links und rechts, Sonne und Mond, Schwester und Bruder – das Nihon Shoki, die zweite große Mythenchronik aus dem Jahr 720, ergänzt in einer Alternativversion sogar, dass Tsukuyomi aus einem weißen Kupferspiegel entstand, den Izanagi in seiner rechten Hand hielt. In dieser Variante ist er von Anfang an mit dem Spiegel verbunden, jenem zentralen Objekt shintoistischer Kultsymbolik.

Während seine Geschwister mythologisch ausgiebig beschäftigt sind – Amaterasu herrscht über die Himmelsebene Takama no Hara, der wilde Susanoo wütet und kämpft –, ist Tsukuyomi eine auffallend schweigsame Gestalt. Im Kojiki taucht er nach seiner Geburt nicht mehr auf. Der japanische Psychologe Kawai Hayao hat diese Stille gedeutet als eine Art ausgleichendes Prinzip zwischen den stark gegensätzlichen Persönlichkeiten seiner Geschwister – nicht Abwesenheit, sondern Gleichgewicht.

Umso wuchtiger trifft einen dann die einzige große Geschichte, in der Tsukuyomi zur Hauptfigur wird. Das Nihon Shoki berichtet in einer seiner Alternativfassungen, dass Amaterasu ihren Bruder ausschickt, um die Nahrungsgöttin Ukemochi-no-Kami zu besuchen. Ukemochi empfängt den himmlischen Gast mit einem üppigen Mahl: Sie wendet sich dem Land zu und speit Reis, wendet sich dem Meer zu und speit Fisch, wendet sich den Bergen zu und Wild. Das Bankett entsteht direkt aus ihrem Körper, aus ihrem Mund. Tsukuyomi ist nicht fasziniert – er ist angeekelt. Was er als unrein empfindet, bestraft er mit dem Tod. Er tötet Ukemochi mit dem Schwert. Als Amaterasu davon erfährt, verfällt sie in Zorn und erklärt, sein Gesicht nie wieder sehen zu wollen – und damit begründet der Mythos, warum Sonne und Mond einander seither niemals begegnen: Tag und Nacht sind seit diesem Moment für immer getrennt.

Ikonografisch ist Tsukuyomi weniger eindeutig festgelegt als viele andere Kami. In einer Alternativversion des Nihon Shoki entstand er aus einem weißen Kupferspiegel – dieser Spiegel gehört damit zu seinen ältesten bildlichen Attributen. Weiß und Silber, die Farben des Mondlichts, prägen seine symbolische Sphäre. Sein Name erscheint in manchen Quellen auch als Tsukuyumi (月弓), was „Mondbogen“ bedeutet – eine Schreibweise, die ihm eine weitere bildliche Dimension gibt, die des gespannten Bogens am Nachthimmel.

Verehrt wird Tsukuyomi an mehreren Orten in Japan, darunter im heiligsten Schreingelände des Landes überhaupt: Die beiden Tsukuyomi-no-Miya im Ise-jingū – einem abgetrennten Heiligtum (Betsugū) des kaiserlichen Großschreins – zählen seit dem frühen Mittelalter zu seinen wichtigsten Kultstätten. Darüber hinaus ist er in mehreren Schreinen verankert, die im Engishiki – dem offiziellen Verzeichnis kaiserlich anerkannter Schreine aus dem 10. Jahrhundert – aufgelistet sind, besonders in den Regionen Yamashiro (heute Kyōto) und Ise. Diese institutionelle Verankerung zeigt: Tsukuyomi war kein Randgott. Seine Funktion als Hüter des Mondes verband ihn unmittelbar mit dem Mondkalender und damit mit dem landwirtschaftlichen Zyklus – nach Ansicht japanischer Religionswissenschaftler, darunter die Forscherin Mori Mizue in der maßgeblichen Encyclopedia of Shinto der Kokugakuin-Universität, kann er deshalb auch als Schutzgottheit des Ackerbaus verstanden werden.

Dass Tsukuyomi bis heute im kollektiven Gedächtnis Japans präsent bleibt, liegt letztlich genau in dieser Spannung, die seine Mythen durchzieht: Er ist der Bruder der Sonne, gezeugt aus demselben Waschvorgang, dem gleichen heiligen Moment – und dennoch für immer von ihr getrennt. Nicht durch Feindschaft am Anfang, sondern durch eine Tat, die eine unüberwindliche Grenze zog. Jeden Abend geht er auf, wenn sie untergeht. Jeden Morgen weicht er zurück, wenn sie erscheint. In dieser ewigen Wechselordnung steckt ein sehr japanisches Denken: dass Dinge nicht getrennt sind, weil sie nichts miteinander zu tun haben, sondern weil sie einander zu nah waren.