Die Nacht lag schwer über Osaka, und im Viertel Namba waren die Straßen ungewöhnlich still geworden. Normalerweise hallten hier bis spät am Abend Stimmen, Gelächter und das Rufen der Händler durch die engen Gassen, doch an diesem Abend waren die Fensterläden geschlossen, die Laternen gedimmt und selbst die Katzen schlichen vorsichtig zwischen den Häusern. Nur der Wind bewegte die Papierlaternen, die leise gegeneinander klopften und flackernde Schatten über die Holzfassaden warfen. Haruto, ein junger Fischer aus der Nähe des Hafens, zog seinen Mantel enger um die Schultern und ging schneller. Er hatte den ganzen Tag auf dem Meer gearbeitet und war später zurückgekehrt als geplant, doch etwas an dieser Nacht ließ ihn frösteln, obwohl der Frühling längst begonnen hatte. Seine Großmutter hatte ihn am Nachmittag gewarnt, dass die Schatten in Namba unruhig geworden seien, doch Haruto hatte darüber gelächelt und es als alte Geschichte abgetan. Jetzt jedoch, als der Nebel langsam vom Meer in die Straßen kroch, spürte er zum ersten Mal, dass vielleicht mehr Wahrheit in den alten Geschichten lag, als er geglaubt hatte.
Während Haruto über eine kleine Holzbrücke lief, die einen der schmalen Kanäle überspannte, hörte er plötzlich ein Geräusch hinter sich. Es war kein gewöhnlicher Schritt, sondern ein schweres Kratzen, als würde etwas Großes über Stein gezogen werden. Haruto blieb stehen und drehte sich langsam um. Zuerst sah er nur den Nebel und die dunklen Dächer der Häuser, doch dann bewegte sich ein Schatten zwischen zwei Lagerhäusern. Die Gestalt trat langsam hervor, größer als ein Mensch, mit breiten Schultern und zwei gekrümmten Hörnern auf dem Kopf. Ihre Haut wirkte grau wie Asche, und ihre Augen glühten rot im schwachen Licht der Laternen. Harutos Herz begann zu rasen, denn er wusste sofort, was er vor sich hatte. In den Geschichten der Alten wurden solche Wesen Oni genannt – Dämonen, die Unglück, Krankheit und Chaos in die Welt der Menschen brachten. Der Oni grinste langsam, als hätte er seine Beute längst gefunden, und machte einen schweren Schritt auf Haruto zu. Die Holzplanken der Brücke knarrten unter seinem Gewicht, und der Nebel wirbelte um seine Beine.
Haruto reagierte instinktiv. Er drehte sich um und rannte. Seine Sandalen schlugen hastig auf das Pflaster, während er durch die dunklen Gassen von Namba jagte. Hinter ihm hallten die schweren Schritte des Dämons wider, langsam, aber unaufhaltsam. Haruto wusste, dass er nicht schneller war als dieses Wesen, doch er rannte trotzdem weiter, vorbei an geschlossenen Läden, an stillen Schreinen und verlassenen Marktständen. In seinem Kopf formte sich nur ein einziger Gedanke: der Schrein. Wenn es einen Ort gab, an dem er Schutz finden konnte, dann war es der Namba Yasaka Schrein, der alte Schrein am Rand des Viertels, von dem man sagte, dass dort mächtige Schutzgeister wachten. Haruto rannte durch das große Tor des Schreins, stolperte über die Steinstufen und fiel schließlich keuchend auf die Knie im Hof. Eine einzige Laterne brannte vor dem Hauptgebäude und warf ein schwaches Licht über den Platz. Die Bäume rauschten leise im Wind, doch sonst war alles still.
Dann hörte Haruto wieder die Schritte. Der Oni trat durch das Tor des Schreins, langsam und selbstsicher, als gehöre dieser Ort längst ihm. Sein Schatten fiel über den Hof, und sein Grinsen wurde breiter. „Dieser Ort wird dich nicht retten“, knurrte er mit einer Stimme, die klang wie zerbrechender Stein. Haruto presste die Stirn auf den Boden und flüsterte ein verzweifeltes Gebet, obwohl er nicht einmal wusste, welche Worte er sprechen sollte. In diesem Moment begann die Erde unter ihm zu zittern. Zuerst war es nur ein leichtes Vibrieren, doch dann wurde das Beben stärker. Der Oni hielt inne und blickte sich verwirrt um. Ein tiefes Grollen erfüllte den Schrein, so tief, dass es eher im Bauch zu spüren war als in den Ohren. Haruto hob langsam den Kopf, und aus der Dunkelheit hinter dem Schrein begann sich eine gewaltige Gestalt zu erheben. Holz knarrte, Stein vibrierte, und langsam erschien ein riesiger Löwenkopf, dessen Augen golden im Dunkeln leuchteten. Sein Maul öffnete sich langsam, so weit, dass es schien, als könnte es die ganze Nacht verschlingen. Es war der Geistlöwe, der Wächter des Schreins, ein Shishi, wie ihn die alten Legenden beschrieben.
Der Oni wich zurück, zum ersten Mal sichtbar verunsichert. Der Löwe bewegte sich nicht schnell, doch seine Präsenz füllte den gesamten Hof. Als er einatmete, zog ein mächtiger Wind über den Schrein hinweg. Die Laterne flackerte heftig, Blätter wirbelten über den Boden, und der Nebel wurde wie von unsichtbaren Händen auseinandergerissen. Der Oni versuchte zu fliehen und sprang zurück Richtung Tor, doch der Sog des Löwen wurde stärker. Der Dämon krallte sich in die Steine des Hofes, doch seine Füße rutschten über den Boden, als würde eine unsichtbare Kraft ihn nach vorne ziehen. Zentimeter für Zentimeter wurde er näher an das riesige Maul gezogen. Sein Brüllen hallte durch den Schrein, doch niemand konnte ihm helfen. Mit einem einzigen gewaltigen Atemzug zog der Löwe den Dämon zu sich und verschlang ihn. Für einen Moment blitzten die roten Augen des Oni noch einmal im Dunkel des Mauls auf, dann war er verschwunden.

Der Wind legte sich so plötzlich, wie er gekommen war. Die Laterne beruhigte sich, und der Hof des Schreins lag wieder still im schwachen Licht. Der Löwenkopf blickte einen Moment lang auf Haruto herab. In seinen goldenen Augen lag keine Wut, sondern etwas Ruhiges, Wachendes. Dann begann das Licht langsam zu verblassen, und die gewaltige Gestalt wurde wieder zu Stein, als hätte sie sich nie bewegt. Haruto blieb lange auf den Knien sitzen und wagte kaum zu atmen. Erst als der Himmel im Osten heller wurde und die ersten Vögel zu singen begannen, stand er langsam auf. Vor ihm erhob sich der riesige Löwenkopf des Schreins, sein Maul weit geöffnet, als würde er noch immer über Namba wachen. Haruto wusste in diesem Moment mit absoluter Sicherheit, dass dieser Löwe kein gewöhnliches Bauwerk war. Irgendwo tief im Inneren des Schreins schlief ein Wächter, der nur dann erwachte, wenn Dunkelheit über die Stadt kam. Und solange der Löwe dort wartete, würde Namba niemals schutzlos sein, denn jeder Dämon, der sich in die Straßen von Osaka wagte, musste damit rechnen, dass eines Nachts ein gewaltiges Maul aus der Dunkelheit auftauchte – bereit, ihn für immer zu verschlingen.

Ein paar Bilder von
diesem magischen Ort
Osaka
Namba Yasaka-Schrein
(難波八阪神社)
