Am Anfang war nichts, das einen Namen verdient hätte. Kein Himmel wölbte sich über etwas, das Erde hätte sein können, kein Wasser trennte sich vom Land, kein Licht schied sich von der Finsternis. Es gab nur ein träges, ungeformtes Etwas, treibend wie Öl auf einer Wasseroberfläche, ohne Ufer, ohne Grund, ohne Richtung. In diesem Zustand, den spätere Generationen als das Ur-Chaos beschrieben, regte sich zum ersten Mal etwas, das nicht mehr bloße Materie war. Aus der zähen Schwere stieg, kaum wahrnehmbar, ein Hauch nach oben, leicht und klar, während das Schwere, Trübe nach unten sank. Aus dem Aufsteigenden formte sich Takamagahara, die Hohe Himmelsebene, die Wohnstatt der Götter, während sich aus dem Absinkenden langsam jene ungeformte, treibende Masse verdichtete, aus der dereinst Land werden sollte.

Im selben Augenblick, in dem sich Takamagahara aus dem Nebel schälte, geschah dort oben etwas, das kein Auge sah und kein Ohr hörte, weil es niemanden gab, der hätte sehen oder hören können. Nicht eines, sondern gleich drei Male regte sich das Werden, kurz hintereinander, wie drei Schläge eines Herzens, das gerade erst zu schlagen beginnt – und aus diesen drei Schlägen sollte, lange bevor irgendjemand davon erzählen konnte, jener erste, unsichtbare Dreiklang entstehen, auf dem alles Spätere ruhen würde.
Zuerst trat ein Wesen ins Sein, ohne Gestalt, ohne Geschlecht, ohne dass irgendjemand es gezeugt hätte. Man nannte es Ame-no-Minakanushi, den Herrn der Mitte des Himmels – nicht, weil er über etwas herrschte, sondern weil er selbst die Mitte war, aus der sich alles andere erst noch entfalten musste. Er blieb verborgen, zeigte sich in keiner Geschichte, wirkte in keinem Streit, griff in kein Geschehen ein. Er war einfach, und dieses Einfachsein allein genügte, um dem gestaltlosen Anfang einen ersten, stillen Mittelpunkt zu geben.
Kaum war er da, folgten ihm zwei weitere, ebenso plötzlich, ebenso grundlos, und mit ihnen schloss sich jener Dreiklang, von dem alles Kommende getragen sein sollte. Takami-Musubi, die hohe, erzeugende Kraft, und Kami-Musubi, die göttliche, erzeugende Kraft, traten neben ihn – nicht als seine Kinder, nicht als seine Untertanen, sondern als gleichrangige, aus sich selbst heraus entstandene Mächte. Das Wort, das ihrem Namen zugrunde liegt, Musubi, bezeichnet jenes geheimnisvolle Binden und Werden, durch das aus zwei Dingen ein drittes entsteht, durch das Fäden sich zu einem Knoten verschlingen, durch das aus bloßem Stoff plötzlich Leben wird. So standen sie zu dritt in der Leere, der verborgene Herr der Mitte und die beiden erzeugenden Kräfte, ohne dass ein Auge sie hätte sehen können – und aus ihrem stillen Dreiersein wob sich, noch bevor ein Berg oder ein Fluss existierte, jenes tiefste aller Fundamente, das man später die Zōka Sanshin (造化三神) nennen sollte, die drei Götter der Schöpfung. Sie hatten keine Gestalt, wie sie spätere Götter tragen würden, keine Arme, die etwas formten, keine Augen, die etwas betrachteten. Sie waren reine, ungeteilte Kraft, kaum mehr als ein Zittern im werdenden Himmel, und noch bevor sich irgendetwas von ihnen erzählen ließe, zogen sie sich zurück in eine Verborgenheit, aus der sie nie wieder heraustreten sollten – doch ihr Zittern, einmal geschehen, verklang nicht wieder. Man nannte sie fortan die Hitorigami, die einzeln, ohne Partner entstandenen Götter, und mit ihrem Rückzug endete die erste, kürzeste und rätselhafteste aller Epochen dieser Welt, während das, was sie in Bewegung gesetzt hatten, in aller Stille weiterlief.

Doch das Land, das unten im Trüben trieb, war noch immer ohne Festigkeit, ein Gebilde wie junges Öl, das auf dem Wasser schwimmt, ohne Wurzel, ohne Halt, treibend wie eine Qualle im Meer. Aus diesem unsteten Zustand heraus, wie ein Schössling, der sich aus feuchtem Schilf nach oben schiebt, erschien ein neues Wesen: Umashi-Ashikabi-Hikoji, dessen Name wörtlich den jungen, kräftigen Schilftrieb bezeichnet, der sich mit unbändiger Kraft aus dem Schlamm nach oben drängt. Er war das erste Zeichen von Wachstum, von Richtung, von einem Drang nach oben, der dem gestaltlosen Chaos zum ersten Mal etwas wie eine Bewegung, eine Absicht einschrieb. Auch ihm folgte, ebenso plötzlich entstanden, ein weiterer einzelner Gott, Ame-no-Tokotachi, der ewig im Himmel Stehende, dessen Name schon andeutet, dass mit ihm der Himmel selbst begann, eine gewisse Dauerhaftigkeit, eine Beständigkeit zu gewinnen, die er zuvor nicht besessen hatte. Auch diese beiden waren Hitorigami, einzeln entstanden, ohne Gegenüber, und auch sie zogen sich, kaum dass sie gewirkt hatten, zurück in die Verborgenheit.

Mit ihnen endete die zweite Schöpfungsepoche, und es begann etwas Neues: aus dem reinen, einzelnen Werden entstand nun, zum ersten Mal, das Paarweise. Ein Gott und eine Göttin traten gemeinsam hervor, Uhijini und Suhijini, deren Namen mit feuchtem, formbarem Schlamm und mit festerem, sandigem Grund zu tun haben – ein Bild dafür, wie sich aus reinem Morast allmählich etwas herausbildete, das Halt geben konnte. Ihnen folgten Tsunuguhi und Ikuguhi, deren Namen mit Knospen und Trieben, mit Ranken und wachsendem Leben verbunden sind, und nach ihnen Ōtonoji und Ōtonobe, deren Namen bereits das Bild eines großen, festen Ortes, eines Grundes zum Bauen enthalten. Es folgten Omodaru und Ayakashikone, deren Namen von einem vollkommen ausgeformten, ebenmäßigen Antlitz sprechen – eine Andeutung, dass die Welt nun langsam eine Gestalt annahm, die man betrachten, ja fast schon bewundern konnte. Jedes dieser Paare bestand aus einem männlichen und einem weiblichen Prinzip, die sich einander zuwandten, ohne jedoch schon jene volle, schöpferische Vereinigung zu vollziehen, die dereinst Inseln und Kinder hervorbringen sollte. Sie waren Übergangsgestalten, Stufen auf einer Treppe, die von der reinen, ungeteilten Kraft der Anfangsgötter hinab zu etwas führte, das der Welt, wie wir sie kennen, endlich ähnlich sah.

Auf der letzten Stufe dieser Treppe standen zwei Namen, die alles vorher Genannte in den Schatten stellen sollten: Izanagi, dessen Name so viel bedeutet wie der Mann, der einlädt oder lockt, und Izanami, die Frau, die einlädt. Mit ihnen war zum ersten Mal ein Paar entstanden, das nicht bloß nebeneinanderstand wie ein Bild, sondern das sich tatsächlich zueinander hingezogen fühlte, das miteinander sprechen, sich berühren, sich vereinigen wollte. Sieben Generationen von Göttern hatte es gebraucht, bis die Welt bereit war für dieses eine Paar, und mit ihm endete die Zeit der bloß entstehenden, sich selbst genügenden Götter. Nun begann die Zeit des Handelns.

Die älteren Götter des Himmels, jene fernen, kaum greifbaren Mächte, die sich schon so lange zurückgezogen hatten – und unter ihnen, unsichtbar, aber nie ganz verklungen, noch immer jenes erste, stille Zittern, mit dem alles begonnen hatte –, betrachteten das schwankende, ungeformte Land unter Takamagahara und beschlossen, dass es Zeit sei, diesem trägen, treibenden Etwas endlich eine feste Gestalt zu geben. Sie riefen Izanagi und Izanami zu sich und übergaben ihnen einen Speer, geschmiedet aus purem Himmelsjuwel, den man Ame-no-Nuboko nannte, den himmlischen Juwelenspeer. Mit diesem Auftrag im Rücken traten die beiden hinaus an den Rand des Himmels, dorthin, wo eine schwebende Brücke, Ame-no-Ukihashi genannt, den Himmel mit dem Nichts darunter verband – eine Brücke, von der aus man auf das trübe, formlose Urmeer hinabblicken konnte, ohne dass man je genau hätte sagen können, worauf sie eigentlich ruhte.

Izanagi trat an den äußersten Rand dieser Brücke, stieß den juwelengeschmückten Speer tief in die trübe Flut hinab und begann, sie zu rühren – langsam zuerst, dann mit wachsender Kraft, im Kreis, immer wieder, während das Salzwasser sich unter der Spitze des Speeres wand und knirschte wie ein Geräusch, das die Welt selbst zum ersten Mal von sich gab. Als er den Speer schließlich wieder hob, tropfte das Salzwasser von seiner Spitze, tropfte in großen, schweren Tropfen zurück ins Meer hinab, und wo diese Tropfen auftrafen, gerannen sie, verdichteten sich, wuchsen zu einer kleinen, festen Insel heran. Man nannte sie Onogoro-shima, die Insel, die sich von selbst geronnen hat – der allererste feste Punkt der Welt, ein winziges Fleckchen Land inmitten des grenzenlosen Urmeeres, auf das die beiden Götter von der schwebenden Brücke aus hinabstiegen.

Auf dieser kleinen, neu geronnenen Insel errichteten Izanagi und Izanami eine Himmelssäule, Ame-no-Mihashira, hoch und gerade, ein Achse, um die sich fortan alles drehen sollte, und daneben einen weitläufigen Palast, den sie Ame-no-Miya, den Himmelspalast, nannten. Als beides errichtet war, wandte sich Izanagi an seine Gefährtin und fragte sie, wie ihr Körper beschaffen sei. Izanami antwortete, ihr Körper sei in allen Teilen vollständig gewachsen, bis auf eine Stelle, die noch nicht zusammengewachsen sei. Izanagi erwiderte, sein eigener Körper sei ebenfalls in allen Teilen vollständig gewachsen, doch an einer Stelle sei ein Überschuss entstanden, und er schlug vor, diesen überschüssigen Teil seines Körpers in die noch nicht zusammengewachsene Stelle ihres Körpers zu fügen, damit gemeinsam Land geboren werde. Izanami stimmte zu, und die beiden vereinbarten ein Ritual: Sie würden gemeinsam um die Himmelssäule herumgehen, er von der einen, sie von der anderen Seite, und wenn sie einander auf der gegenüberliegenden Seite wieder begegneten, würden sie sich vereinigen.

Sie stiegen jeder auf eine Seite der Säule, begannen zu gehen, und als sie einander auf der anderen Seite trafen, war es Izanami, die als Erste sprach, voller Freude ausrief, wie wunderbar es sei, einen so herrlichen jungen Mann zu treffen. Izanagi erwiderte den Ausruf, doch etwas in ihm blieb unruhig, denn es schien ihm nicht recht, dass die Frau als Erste gesprochen hatte. Dennoch vereinigten sie sich, wie sie es geplant hatten, und aus dieser ersten Vereinigung wurde ein Kind geboren – doch es war kein Kind, wie sie es erhofft hatten, sondern ein formloses, gliederschwaches Wesen, das man Hiruko nannte, das Blutegel-Kind, unfähig, auf eigenen Beinen zu stehen. Voller Trauer und Scham legten die beiden Götter dieses Kind in ein kleines Boot aus Schilfrohr und ließen es auf dem Meer davontreiben. Auch ihre nächste Geburt, eine Insel, die sie Awashima nannten, erkannten sie nicht als vollwertiges Kind an.
Bestürzt über dieses zweifache Missgeschick stiegen Izanagi und Izanami zurück zur Himmelsebene hinauf, um die dortigen Götter um Rat zu fragen, was falsch gelaufen sei. Die Himmelsgötter befragten das Orakel und gaben den beiden zur Antwort, dass es falsch gewesen sei, dass die Frau als Erste gesprochen habe – das Ritual müsse mit vertauschten Rollen wiederholt werden. Also stiegen Izanagi und Izanami zurück zu ihrer Insel hinab, umkreisten die Himmelssäule ein zweites Mal, und als sie sich diesmal wieder begegneten, war es Izanagi, der zuerst sprach und ausrief, wie wunderbar es sei, eine so entzückende junge Frau zu treffen. Erst danach sprach Izanami, und aus dieser zweiten, nun in der rechten Ordnung vollzogenen Vereinigung, gingen wohlgeformte Kinder hervor.

Zuerst kam Awaji, die Insel, dann Iyo, die spätere Insel Shikoku mit ihren vier unterschiedlichen Gesichtern, dann die Inseln der Oki-Gruppe, dann Tsukushi, das spätere Kyūshū, ebenfalls mit mehreren Gesichtern, dann Iki, dann Tsushima, dann Sado, und schließlich die große Insel Ōyamato-Toyoakizushima, die man später als das Kernland Japans verstand. Acht große Inseln waren es, die auf diese Weise geboren wurden, weshalb man das entstandene Land fortan das Land der acht großen Inseln nannte, und nach ihnen kamen noch weitere, kleinere Inseln hinzu, geboren wie alles zuvor, aus der Vereinigung der beiden Götter.

Doch Izanagi und Izanami begnügten sich nicht damit, bloß Land zu gebären. Nach dem Land begannen sie, auch die Götter selbst hervorzubringen, die künftig über die verschiedenen Bereiche der Welt herrschen sollten. Sie gebaren den Gott des Meeres, den Gott der Meerengen und Flussmündungen, den Gott des Windes, den Gott der Bäume, den Gott der Berge, den Gott der Ebenen, und aus der Vereinigung des Berggottes mit der Göttin der Ebenen entstanden wiederum die Götter, die über Nebel, über Täler, über die Hänge der Berge wachten. Izanami gebar auch den Gott des Meeresstroms und die Göttin des Windes, die Göttin der Bäume und den Gott der Berge, in ununterbrochener Folge, sodass sich die Welt mit jedem neuen Kind ein Stück weiter mit Bedeutung, mit Zuständigkeit, mit göttlicher Gegenwart füllte.

Zuletzt aber, nach so vielen gelungenen Geburten, kam jene eine, die alles verändern sollte. Izanami brachte den Gott des Feuers zur Welt, Kagutsuchi, dessen Geburt sich von allen vorherigen unterschied, denn das Feuer, das aus ihm hervorbrach, verbrannte den Schoß, aus dem er geboren wurde. Izanami erlitt schwere Verbrennungen, und aus ihrem Leiden heraus entstanden noch weitere Götter – aus ihrem Erbrechen der Gott der Metalle, aus ihrem Kot die Göttin der Erde, aus ihrem Urin die Göttin des Wassers und der Gott des Wachstums –, doch all diese letzten Geburten konnten nicht verhindern, was unabwendbar geworden war. Geschwächt von den Verbrennungen, die ihr eigenes feuriges Kind ihr zugefügt hatte, starb Izanami, die Mutter des Landes und der Götter, und ging fort in jene dunkle Welt, die man Yomi nannte, das Land der Toten, tief unter der Erde gelegen, von wo aus es keine Rückkehr gibt.

Izanagi, der seine geliebte Gefährtin verloren hatte, war außer sich vor Trauer. Er warf sich über ihren leblosen Körper, weinte so heftig, dass aus seinen Tränen ein weiterer Gott geboren wurde, die Göttin, die am Fuß des Berges Kagu weinend wohnt. Er bestattete Izanami auf dem Berg Hiba, an der Grenze zwischen den Provinzen Izumo und Hōki, doch seine Trauer verwandelte sich rasch in einen Zorn, der sich gegen das Kind richtete, das ihm die Gefährtin genommen hatte. Izanagi zog sein langes Schwert, das Totsuka-no-Tsurugi, das Schwert von zehn Handbreiten Länge, und schlug damit dem neugeborenen Feuergott Kagutsuchi den Kopf ab. Aus dem Blut, das von der Klinge tropfte, aus dem Blut, das an den Felsen haftete, aus dem zerteilten Leib des toten Feuergottes selbst, entstand eine ganze Reihe weiterer Götter – Götter des Donners, Götter der Berge, Götter des Schwertes –, denn selbst im Tod, selbst in der Zerstörung, blieb die schöpferische Kraft dieser frühen Welt ungebrochen.
Doch all dies konnte Izanagi über seinen Verlust nicht hinwegtrösten. Getrieben von der Sehnsucht, seine Gefährtin zurückzuholen, entschloss er sich zu etwas, das kein Gott vor ihm gewagt hatte: Er stieg hinab in Yomi, das Land der Toten, um Izanami von dort zurückzuholen. Er durchschritt die Finsternis dieses unterirdischen Reiches, bis er schließlich vor dem Tor eines großen Palastes stand, aus dessen Innerem er die Stimme seiner Gefährtin vernahm. Er rief zu ihr, dass das Land, das sie gemeinsam geschaffen hatten, noch nicht vollendet sei, und bat sie, mit ihm zurückzukehren. Aus dem Dunkel des Palastes antwortete Izanami, es tue ihr leid, dass er nicht früher gekommen sei, denn sie habe bereits von den Speisen des Totenlandes gegessen, und deshalb könne sie nicht mehr so ohne Weiteres zurückkehren. Doch weil er den weiten Weg auf sich genommen habe, wolle sie versuchen, mit den Herrschern von Yomi zu verhandeln, ob eine Rückkehr dennoch möglich sei. Sie bat ihn eindringlich, während dieser Verhandlung nicht in den Palast zu blicken, in dem sie sich aufhielt, und verschwand wieder im Dunkeln.

Izanagi wartete. Die Zeit verstrich, lang und quälend, und seine Geduld begann zu schwinden. Schließlich konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er brach einen der Zähne aus dem Kamm, der sein Haar hielt, entzündete ihn wie eine kleine Fackel und trat damit in das Innere des Palastes, um im spärlichen Licht endlich zu sehen, was seine Gefährtin so lange verbarg. Was er im Fackelschein erblickte, ließ ihn vor Entsetzen erstarren. Izanami war nicht mehr die Frau, die er einst um die Himmelssäule herum umworben hatte. Ihr Körper war verwest, von Fäulnis zersetzt, überzogen von Maden, die sich in ihr Fleisch gefressen hatten, und aus jedem Teil ihres verfallenden Leibes waren Donnergötter erwachsen – aus ihrem Kopf, aus ihrer Brust, aus ihrem Bauch, aus ihren Gliedern, acht an der Zahl, jeder von ihnen eine grollende, blitzende Verkörperung des Schreckens, den ihr Tod hinterlassen hatte.
Izanagi, von diesem Anblick zutiefst erschüttert, wandte sich um und floh, so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Izanami, erwacht aus ihrer Ruhe, erwacht zu Scham und Zorn zugleich, weil er sein Versprechen gebrochen und sie in ihrer Schande gesehen hatte, rief den hässlichen Frauen von Yomi zu, ihm nachzusetzen. Izanagi, verfolgt von diesen Schreckgestalten, riss sich im Laufen den schwarzen Kopfschmuck vom Haar und warf ihn hinter sich; wo er zu Boden fiel, wuchsen sogleich wilde Weintrauben, und während die Verfolgerinnen innehielten, um die Früchte gierig aufzulesen, gewann Izanagi wertvolle Zeit. Als sie ihm dennoch wieder näherkamen, zog er den Kamm aus seinem Haar, zerbrach ihn und warf die Zinken hinter sich; aus ihnen wuchsen Bambussprossen, und wieder hielten die Verfolgerinnen an, um sich daran zu laben, während Izanagi weiterrannte.

Doch Izanami gab nicht auf. Sie schickte nun auch die acht Donnergötter aus, gemeinsam mit fünfzehnhundert Kriegern des Totenlandes, um Izanagi einzuholen. Izanagi, der inzwischen den Ausgang aus Yomi erreicht hatte, den Hang, der Yomotsu-Hirasaka genannt wird, zog sein Schwert und schlug hinter sich, während er weiterlief, um seine Verfolger auf Abstand zu halten. Schließlich erreichte er drei Pfirsiche, die am Fuß dieses Hügels wuchsen, pflückte sie und warf sie den nachsetzenden Kriegern des Totenreichs entgegen. Die Früchte, geladen mit der Kraft des Lebens, schreckten die Toten so sehr, dass sie von der Verfolgung abließen und umkehrten. Izanagi, den Pfirsichen für ihre Rettung dankbar, gab ihnen den Namen Ōkamuzumi, große göttliche Frucht, und versprach ihnen, dass sie fortan immer dann helfen sollten, wenn Menschen in Bedrängnis gerieten, so wie sie ihm in seiner Not geholfen hatten.
Zuletzt aber erschien Izanami selbst am Fuß des Hügels, um ihren einstigen Gefährten mit eigenen Händen einzuholen. Izanagi, der den Hügel bereits erklommen hatte, ergriff einen gewaltigen Felsblock, so groß, dass ihn tausend Männer kaum hätten bewegen können, und schob ihn quer über den Zugang zwischen der Welt der Lebenden und dem Land der Toten. Die beiden standen sich nun gegenüber, getrennt durch diesen versperrenden Felsen, den man fortan den Chi-gaeshi-no-Ōkami nannte, den Gott, der die Wege scheidet. Izanami, von jenseits des Felsens, rief ihm im Zorn zu, dass sie, wenn er dies tue, künftig jeden Tag tausend Menschen aus seinem Land ersticken lassen werde. Izanagi antwortete ihr, ebenso entschlossen, dass er dann eben jeden Tag fünfzehnhundert Hütten für Wöchnerinnen errichten lassen werde, sodass stets mehr Menschen geboren würden, als sie zu nehmen vermochte. So endete die Verbindung der beiden Götter, die einst gemeinsam ein ganzes Land geboren hatten, in einer bitteren Trennung – doch aus ihr erwuchs zugleich der ewige Wechsel von Tod und Geburt, der seither über der Welt der Menschen liegt.

Izanagi, befreit aus der Finsternis von Yomi, doch bis ins Innerste befleckt von der Berührung mit dem Tod, eilte an die Küste der Provinz Hyūga, an einen Ort namens Awakihara, an der Mündung eines kleinen Flusses namens Tachibana. Dort, an diesem stillen, von Bäumen gesäumten Ufer, entledigte er sich seiner Kleidung, Stück für Stück, und aus jedem einzelnen Kleidungsstück, das er zu Boden fallen ließ, entstand ein weiterer Gott – aus seinem Stab, aus seinem Gürtel, aus seinem Beutel, aus seinen Armreifen, aus jedem Teil seiner Gewandung, mit dem er sich von der Unreinheit des Totenlandes trennte. Als er schließlich nackt am Ufer stand, stieg er in das fließende Wasser des Flusses und begann jenes Reinigungsritual, das man Misogi nennt, das rituelle Abwaschen aller Unreinheit, allen Verfalls, aller Befleckung, die er in Yomi auf sich geladen hatte.

Während er in die Fluten eintauchte, entstanden zunächst, aus der Unreinheit, die von ihm abfiel, zwei üble Götter, Yasomagatsuhi und Ōmagatsuhi, Verkörperungen alles Bösen und Verderblichen, das seine Reise mit sich gebracht hatte. Doch die Götter des Ausgleichs, Kamunaobi und Ōnaobi, entstanden gleich darauf, um dieses Übel zu bändigen, und mit ihnen zusammen die Götter der Tiefe, die über die Reinheit des fließenden Wassers wachten. Izanagi wusch sich weiter, tauchte tiefer ins Wasser, badete im untersten Strom des Flusses, dann im mittleren, dann im obersten, und aus jedem dieser drei Bäder gingen weitere Götter hervor, Götter des Meeres und Götter der Küste, bis schließlich das entscheidende Ritual seinen Höhepunkt erreichte.
Als Izanagi sich sein linkes Auge wusch, entstand aus diesem Waschen eine Göttin von überwältigendem, alles überstrahlendem Glanz. Man nannte sie Amaterasu-Ōmikami, die große, im Himmel scheinende Göttin, deren Licht von diesem Augenblick an über die gesamte Welt fallen sollte. Als Izanagi sich das rechte Auge wusch, entstand aus diesem zweiten Waschen ein Gott von stiller, kühler Erhabenheit, Tsukuyomi-no-Mikoto, der Herrscher, der den Mond liest, dessen sanftes, nächtliches Licht fortan die Dunkelheit begleiten sollte, die Amaterasus Glanz jeweils ablöste. Und als Izanagi sich schließlich die Nase wusch, entstand aus diesem letzten Waschen ein dritter Gott, wild und ungestüm von Beginn an, Susanoo-no-Mikoto, der tapfere, rasende, männliche Gott des Sturms, in dem sich von der ersten Stunde an eine Kraft regte, die sich weder dem Himmel noch dem Meer so leicht fügen wollte.

Izanagi, überwältigt von der Erhabenheit dieser drei letzten Kinder, die aus der reinsten aller seiner Reinigungshandlungen hervorgegangen waren, erkannte sogleich, dass mit ihnen etwas geboren war, das alles Vorherige übertraf. Er nannte sie fortan die Mihashira-no-Uzu-no-Miko, die drei edlen, kostbaren Kinder, und teilte zwischen ihnen die Herrschaft über die Welt auf, die er selbst mit Izanami einst gezeugt hatte. Amaterasu übertrug er die Herrschaft über Takamagahara, die Hohe Himmelsebene, denn ihr Licht sollte fortan über allen Göttern leuchten. Tsukuyomi übertrug er die Herrschaft über die Nacht, über jene stillen, dunklen Stunden, in denen Amaterasus Glanz ruhte. Susanoo aber übertrug er die Herrschaft über das Meer, jene weite, unruhige, niemals ganz zu bändigende Weite, die zu seinem ungestümen Wesen zu passen schien wie kein anderer Bereich der Welt.
Amaterasu, kaum dass sie ihr Reich angetreten hatte, vernahm von einer Göttin, die tief unten auf der Erde lebte, Uke-Mochi, jener Göttin, aus deren Leib alle Nahrung der Welt entspringt. Man hatte ihr erzählt, dieses Wesen berge einen unerschöpflichen Reichtum an Speisen, und da sie selbst in ihrer neuen, hohen Stellung nicht hinabsteigen mochte, bat sie ihren Bruder Tsukuyomi, an ihrer Stelle zu Uke-Mochi zu reisen und ihr von diesem Wesen zu berichten. Tsukuyomi, gehorsam und ohne Arg, stieg vom Himmel zur Erde hinab und fand Uke-Mochi in ihrem Haus, bereit, ihn mit einem Festmahl zu empfangen. Doch was er sah, ließ ihn vor Abscheu erstarren: Die Göttin wandte ihr Gesicht dem Land zu, und aus ihrem Mund quoll gekochter Reis; sie wandte sich dem Meer zu, und Fische aller Art strömten aus ihren Lippen; sie wandte sich den Bergen zu, und Wild aller Art entsprang ihrem Munde – und aus all diesen Dingen, die auf so befremdliche Weise aus ihrem eigenen Leib hervorgebracht wurden, richtete sie ihm ein üppiges Mahl her, mit dem sie ihn ehren wollte.

Tsukuyomi jedoch, dessen Wesen ebenso rein und makellos war wie das nächtliche Licht, das er über die Welt trug, empfand diesen Anblick nicht als Gastfreundschaft, sondern als unerträgliche Schändung. Zornentbrannt darüber, dass man ihm Speisen anbot, die aus dem Körper eines anderen Wesens hervorgequollen waren, zog er sein Schwert und erschlug Uke-Mochi auf der Stelle, ohne ihr die Möglichkeit einer Erklärung zu lassen. Dann kehrte er zum Himmel zurück und berichtete seiner Schwester, was geschehen war.
Amaterasu aber, als sie von der Tat ihres Bruders hörte, wurde von einem Zorn ergriffen, der tiefer reichte als aller vorherige Groll dieser jungen Welt. Sie erklärte, ein Gott, der zu einer solchen Grausamkeit fähig sei, dürfe ihr nie wieder unter die Augen treten, und wandte sich für alle Zeit von Tsukuyomi ab. Von diesem Tag an mieden sich die beiden Geschwister, die einst gemeinsam aus Izanagis Reinigung hervorgegangen waren – sie gingen einander an ihrem angestammten Ort des Himmels bewusst aus dem Weg, sodass Sonne und Mond seither niemals mehr am selben Himmel zusammentrafen, sondern einander ewig auswichen, der eine am Tage strahlend, der andere in der Nacht, für immer getrennt durch jene eine, unbedachte Tat.

Doch selbst aus dieser Trennung, aus dem Leichnam der getöteten Uke-Mochi, entstand noch einmal jenes schöpferische Wunder, das dieser jungen Welt von Anfang an innewohnte: Aus ihrem Haupt wuchsen Rinder und Pferde hervor, aus ihrer Stirn Hirse, aus ihren Augenbrauen Seidenraupen, aus ihren Augen Fuchsschwanzhirse, aus ihrem Bauch Reis, aus ihren verborgenen Teilen Weizen und Bohnen. Die Götter des Himmels sammelten diese Samen ein und machten sie fortan zur Grundlage allen Ackerbaus, der seither die Menschen nährt – ein bitterer, doch fruchtbarer Trost für einen Streit, der Sonne und Mond auf ewig auseinanderriss.
Amaterasu, so von ihrem Bruder getrennt, wandte sich ganz der Ordnung ihres eigenen Reiches zu und begann, es in der ihr eigenen, ruhigen Weise zu verwalten. Susanoo jedoch, statt ins Meer hinabzusteigen und dort zu herrschen, blieb, wo er war, und begann laut zu weinen – ein Weinen, so gewaltig, dass grüne Berge unter seiner Wucht zu kahlen, verdorrten Bergen wurden, dass Flüsse und Meere unter seinem Schluchzen vollständig austrockneten, dass böse Geister, angezogen von seiner Trauer, wie im Sommer schwirrende Fliegen die ganze Welt erfüllten. Izanagi, bestürzt über diese unaufhörliche, alles verwüstende Klage, fragte seinen Sohn, warum er nicht in das Meer hinabsteige, um dort zu herrschen, wie es ihm bestimmt war, sondern stattdessen unaufhörlich weine und klage. Susanoo antwortete, er weine, weil er sich danach sehne, in das Land seiner Mutter zu gehen, in jenes ferne Land unter der Erde, aus dem sie einst gekommen war und in das sie zurückgekehrt sei.
Izanagi, erzürnt über diese Antwort, verbannte seinen Sohn auf der Stelle aus seiner Gegenwart. Doch bevor Susanoo dem Ruf seiner toten Mutter folgen und in die Unterwelt hinabsteigen konnte, wollte er sich noch von seiner Schwester Amaterasu verabschieden, und so stieg er zu ihr hinauf, zur Hohen Himmelsebene, wo sie herrschte. Sein Aufstieg jedoch war so gewaltig, ließ Berge erzittern und Erde beben, dass Amaterasu, als sie das Grollen und Beben seines Kommens vernahm, fürchtete, ihr Bruder wolle ihr die Herrschaft über den Himmel entreißen. Sie rüstete sich zum Kampf, band ihr Haar zu kriegerischen Knoten, hängte sich Köcher voller Pfeile über beide Schultern, ergriff Bogen und Schwert und trat ihrem Bruder entgegen mit der stampfenden Wucht einer Kriegerin, die entschlossen ist, ihr Reich zu verteidigen.

Susanoo beteuerte, keine bösen Absichten zu hegen, er sei allein gekommen, um sich zu verabschieden, bevor er in das Land seiner Mutter ziehe. Um seine Aufrichtigkeit zu beweisen, schlugen die Geschwister ein Ritual vor, mit dem sie prüfen wollten, wessen Herz reiner sei: Sie würden gemeinsam Kinder erzeugen, jeder aus dem Besitz des anderen, und aus der Art dieser Kinder sollte sich ablesen lassen, wer die reineren Absichten hegte. Amaterasu nahm Susanoos Schwert, zerbrach es in drei Teile, kaute die Bruchstücke und blies sie aus ihrem Mund hervor, und aus diesem Nebel entstanden drei Göttinnen von großer Schönheit. Susanoo wiederum nahm die Juwelenketten aus Amaterasus Haar und von ihren Armen, kaute auch sie und blies sie aus seinem Mund hervor, und aus diesem Nebel entstanden fünf männliche Götter. Susanoo erklärte, dass, weil aus seinem eigenen Besitz sanfte, weibliche Götter entstanden seien, sein Herz rein und ohne Arg sei, und Amaterasu erkannte dies zunächst als Beweis seiner Lauterkeit an.
Doch der Sieg, den Susanoo in diesem Wettstreit für sich beanspruchte, machte ihn übermütig, und sein wildes Wesen, das er nie ganz hatte bändigen können, brach mit voller Wucht hervor. Er zerstörte die sorgsam angelegten Reisfelder seiner Schwester, verschüttete die Bewässerungsgräben, entweihte die heiligen Hallen, in denen die erste Reisernte für die Götter dargebracht wurde, indem er dort seinen Kot verteilte, und schließlich, in einem Akt, der alles vorher Geschehene übertraf, riss er ein gescheckt gefärbtes himmlisches Pferd bei lebendigem Leib die Haut vom Leib und warf den blutigen Kadaver durch ein Loch im Dach in die Halle, in der Amaterasu und ihre Weberinnen gerade damit beschäftigt waren, die Gewänder für die Götter zu weben. Eine der Weberinnen, von diesem Schock zutiefst getroffen, verletzte sich beim Weben tödlich mit dem Weberschiffchen.
Amaterasu, entsetzt und zutiefst verletzt von diesem Frevel ihres eigenen Bruders, verließ die Halle und zog sich zurück in eine Höhle aus Stein, die man Ame-no-Iwato nannte, die himmlische Felsentür, und verschloss den Eingang von innen mit einem gewaltigen Stein. Mit ihrem Rückzug erlosch das Licht, das seit ihrer Geburt aus Izanagis gewaschenem Auge über die Welt geschienen hatte. Takamagahara versank in vollständiger Finsternis, und mit ihr auch das Land unter dem Himmel; ewige Nacht legte sich über alles, was zuvor im Wechsel von Tag und Nacht bestanden hatte, und in dieser Finsternis erhoben sich zahllose böse Geister, die, wie Fliegen im Hochsommer, die ganze Welt mit ihrem Treiben erfüllten, während alle guten Ordnungen ins Wanken gerieten.

Die achthunderttausend Götter des Himmels versammelten sich ratlos am Ufer des himmlischen Flusses, um zu beraten, wie sie Amaterasu aus ihrer selbstgewählten Verbannung zurücklocken könnten. Sie beauftragten den weisen Gott Omoikane, einen Plan zu ersinnen, und aus seinem Rat entstand ein aufwendiges Ritual. Sie ließen unzählige Hähne herbeischaffen und sie unaufhörlich krähen, um den Anbruch des Morgens vorzutäuschen. Sie schmiedeten einen großen, achteckigen Spiegel und fertigten kostbare, gebogene Juwelenketten an. Sie fällten einen heiligen Sakaki-Baum und behängten ihn mit diesen Juwelen, mit dem Spiegel und mit weißen und blauen Stoffbahnen. Sie ließen den Gott Ame-no-Koyane und den Gott Futodama feierliche Gebete und Anrufungen sprechen, während vor der versperrten Höhle ein umgestürztes Fass aufgestellt wurde.
Auf dieses Fass stieg die Göttin Ame-no-Uzume, band sich Efeuranken um den Kopf, hielt in den Händen Bambuslaub, entblößte ihre Brüste, schürzte ihr Gewand bis über die Hüften und begann, mit stampfenden Füßen auf dem hallenden Fass zu tanzen, wild, ausgelassen, ekstatisch, während die versammelten achthunderttausend Götter in ein derart schallendes, dröhnendes Gelächter ausbrachen, dass die gesamte Himmelsebene davon zu erbeben schien. Amaterasu, die in ihrer Höhle die Finsternis der Welt beweinte, vernahm dieses ungeheure Gelächter, und Neugier stieg in ihr auf, wie es sein könne, dass die Welt draußen, obwohl sie doch selbst das Licht genommen hatte, derart fröhlich zu sein schien.

Sie öffnete den Felsen einen schmalen Spalt breit und fragte hinaus, warum Ame-no-Uzume tanze und alle Götter lachten, obwohl doch, seit sie sich zurückgezogen habe, Himmel und Erde in tiefster Finsternis lägen. Ame-no-Uzume antwortete ihr, draußen sei eine Göttin erschienen, die noch herrlicher strahle als Amaterasu selbst, und deshalb freuten sich alle Götter. Während sie so sprach, hielten die anderen Götter den großen, achteckigen Spiegel vor den Spalt der Felsentür, sodass Amaterasu, als sie weiter hinausblickte, ihr eigenes, im Spiegel gebrochenes Licht erblickte und dieses für die angekündigte, noch strahlendere Göttin hielt. Verwundert und neugierig trat sie einen weiteren Schritt aus der Höhle heraus, um dieses Licht genauer zu betrachten – und in diesem Augenblick ergriff der starke Gott Ame-no-Tajikarao, der sich verborgen neben dem Höhleneingang bereitgehalten hatte, ihre Hand und zog sie mit aller Kraft vollends aus der Höhle heraus, während ein anderer Gott sogleich hinter ihr ein heiliges Seil, das Shimenawa, quer über den Höhleneingang spannte, damit sie sich nicht wieder in die Finsternis zurückziehen könne.
So kehrte das Licht in die Welt zurück, und mit ihm Ordnung, Wärme und Leben. Die versammelten Götter jedoch, erleichtert über die Rückkehr der Sonne, wandten sich nun mit geballtem Zorn gegen Susanoo, dessen Frevel diese ganze Katastrophe verursacht hatte. Sie verurteilten ihn zu einer schweren Buße, ließen ihm Bart und Fingernägel abschneiden, nahmen ihm alle seine Besitztümer und verbannten ihn endgültig aus Takamagahara, hinab auf die Erde, hinunter in jenes Land, das man Izumo nannte, an den oberen Lauf eines Flusses namens Hi-no-Kawa.
Dort, an diesem fernen Fluss, verwandelte sich der ungestüme, alles zerstörende Gott, der im Himmel nur Unheil gestiftet hatte, unter der Last seiner Verbannung merklich. Als er den Fluss entlangwanderte, sah er zwei Essstäbchen flussabwärts treiben, und daraus schloss er, dass weiter oben Menschen wohnen müssten. Er folgte dem Fluss aufwärts und traf dort auf ein altes Paar, das bitterlich weinte, zwischen ihnen ein junges Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Auf seine Frage, warum sie weinten, erklärten die beiden Alten, sie seien irdische Götter dieses Landes, hätten einst acht Töchter gehabt, doch jedes Jahr sei eine gewaltige, achtköpfige Schlange, Yamata-no-Orochi genannt, deren Leib acht Täler und acht Berge überspannte, aus den Bergen herabgestiegen und habe eine ihrer Töchter verschlungen. Nun sei nur noch die jüngste übrig, Kushinada-hime, und die Zeit, in der die Schlange wiederkehren würde, um auch sie zu verschlingen, sei nahe.

Susanoo, der in diesem Augenblick, fern von seiner himmlischen Heimat, zum ersten Mal eine Aufgabe erkannte, die seiner ungestümen Kraft würdig war, bot den beiden Alten an, die Schlange zu bezwingen, wenn sie ihm im Gegenzug die Tochter zur Frau geben würden. Die Eltern willigten ein, und Susanoo, um Kushinada-hime vor den kommenden Ereignissen zu schützen, verwandelte sie mit einem Zauber in einen dichten Kamm und steckte ihn sich ins Haar. Dann trug er den Eltern auf, einen starken Reiswein von achtfacher Gärung zu brauen, einen Zaun mit acht Toren zu errichten, und hinter jedem Tor ein Fass mit diesem starken Wein aufzustellen. Als die achtköpfige Schlange schließlich aus den Bergen herabstieg, fand sie an jedem der acht Tore ein Fass voll duftenden Weins, tauchte mit jedem ihrer acht Köpfe in je ein Fass und trank, bis alle acht Köpfe von der Trunkenheit überwältigt zu Boden sanken und die gewaltige Schlange in tiefen, betäubten Schlaf fiel.

In diesem Augenblick zog Susanoo sein Schwert und zerschlug den schlafenden, trunkenen Leib der Schlange Stück für Stück, bis von ihr nichts mehr übrig war als zerteiltes Fleisch, aus dem der Fluss Hi-no-Kawa fortan rot gefärbt floss. Als er den mittleren Schwanz der toten Schlange aufschnitt, stieß seine Klinge auf etwas Hartes, und als er nachsah, fand er darin ein prächtiges Schwert von außergewöhnlicher Schärfe. Dieses Schwert, das er in einer Wolke fand, die über dem Schwanz der Schlange schwebte, nannte er Kusanagi-no-Tsurugi, das grasmähende Schwert, und weil er erkannte, dass ein solches Kleinod nicht ihm allein gehören dürfe, sandte er es als Versöhnungsgabe zurück zu seiner Schwester Amaterasu in den Himmel, jener Schwester, deren Reich er einst durch seinen Frevel in tiefste Finsternis gestürzt hatte.
So schloss sich, fern im Land Izumo, an einem Fluss, dessen Wasser noch vom Blut der besiegten Schlange gefärbt war, ein weiter, gewundener Kreis. Der Sturmgott, der einst als jüngstes der drei edlen Kinder aus der Nase seines Vaters entstanden war, der seiner Schwester Finsternis und Schrecken gebracht hatte, wurde in der Fremde, weit entfernt von der Himmelsebene, zu einem Beschützer, zu einem Gründer einer neuen Linie, die dereinst über das Land Izumo herrschen sollte. Er erbaute mit Kushinada-hime, die er wieder aus der Gestalt des Kammes in eine Frau zurückverwandelte, einen Palast an einem Ort, an dem, wie er sagte, wolkenreiche Wirbel achtfach aufstiegen, um einen Zaun von acht Falten für die junge Frau zu errichten, die er nun endgültig zu seiner Gemahlin machte – und aus dieser Verbindung sollte sich eine lange Ahnenreihe entfalten, die über Generationen hinweg schließlich zu jenem Gott Ōkuninushi führen würde, der einst das irdische Land ordnen und vorbereiten sollte für die Zeit, in der die Nachkommen der lichten Amaterasu selbst herabsteigen würden, um über das Land unter dem Himmel zu herrschen.

So reicht die Geschichte, die mit dem gestaltlosen Chaos begann, mit dem stillen, verborgenen Herrn der Mitte, mit dem Speer, der aus dem trüben Urmeer die erste Insel geronnen ließ, über die Liebe und den Verlust von Izanagi und Izanami, über die Finsternis der Unterwelt und das reinigende Wasser eines namenlosen Flusses, bis hin zu jenem einen Augenblick, in dem aus einem gewaschenen Auge das Licht selbst geboren wurde – und noch weit darüber hinaus, hinein in die Berge und Flüsse von Izumo, wo ein einst rasender Gott lernte, seine Kraft nicht mehr zur Zerstörung, sondern zum Schutz dessen einzusetzen, was er liebte. Und noch heute, wenn man in Japan an einem stillen Schrein vorbeigeht, wenn man das Rauschen eines Flusses hört oder das ferne Grollen eines heraufziehenden Sturms, ist es, als läge in diesem Klang noch immer ein Echo jener ersten, alles beginnenden Bewegung – des Speeres, der das Urmeer rührte, und der ersten Tropfen, aus denen einst, ganz allein, eine Welt entstand.
