Japan – Gut zu Wissen – Wer ist Raijin (雷神)

Ein Sommerabend über den Reisfeldern, die Luft drückend und reglos. Dann ein erstes fernes Grollen, kaum mehr als ein Räuspern des Himmels.

Die Wolken färben sich violett-schwarz, ein Windstoß lässt die Ähren erschauern, und für einen Atemzug steht die ganze Welt still – bis ein greller Riss den Himmel teilt und ein Donnerschlag über das Land rollt, so laut, dass Kinder unter die Bettdecke kriechen und alte Frauen den Bauch bedecken. Genau in diesem Moment, sagt man in Japan seit jeher, schlägt jemand seine Trommeln: Raijin, der Gott des Donners.

Anders als viele andere japanische Gottheiten besitzt Raijin (雷神, wörtlich „Donnergott“, auch „Kaminari-sama“ oder „Raiden-sama“ genannt) keine einzelne, klar abgegrenzte Ursprungserzählung, sondern entstand aus einer ganzen Familie von Donnergeistern. Die älteste und dramatischste Spur findet sich im Kojiki, der frühesten schriftlichen Sammlung japanischer Schöpfungsmythen aus dem 8. Jahrhundert.

Dort steigt der Urvater-Gott Izanagi in das Land der Toten hinab, das Yomi genannt wird, um seine verstorbene Gemahlin Izanami zurückzuholen. Sie warnt ihn, sie niemals anzusehen, doch Izanagi entzündet heimlich ein Licht – und erblickt einen Leichnam, an dem sich acht furchterregende Donnergötter festgesetzt haben: einer am Kopf, einer an der Brust, einer am Bauch, weitere an Händen, Füßen und sogar an den Genitalien.

Entsetzt flieht Izanagi, doch Izanami, gekränkt durch diesen Vertrauensbruch, hetzt ihm die acht Donnergötter und ein Heer von Totengeistern nach. Erst als Izanagi Pfirsiche nach ihnen wirft – eine Frucht, der man reinigende, böses bannende Kraft zuschrieb – können die Verfolger abgeschüttelt werden. In dieser Urszene ist Raijin also kein einzelner Held, sondern eine vielköpfige, fast monströse Naturgewalt, geboren aus Verwesung und Zorn, ein Sinnbild für das Unheimliche, das dem Tod selbst innewohnt.

Aus dieser unheimlichen Vielheit entwickelte sich über Jahrhunderte das vertraute Bild des einen Raijin, wie man es heute auf Tempeltoren, Schreinrollen und vor allem auf dem berühmten Stellschirm „Fūjin-Raijin-zu“ des Malers Tawaraya Sōtatsu aus dem 17. Jahrhundert sieht. Raijin wird darin als dämonenhaftes Wesen mit grünlich-roter Hautfarbe dargestellt, mit den Hörnern eines Stieres auf der Stirn, scharfen Krallen an Händen und Füßen und einem gestreiften Tigerfell als Lendenschurz. Auf seinem Rücken trägt er einen Kranz aus Trommeln, das sogenannte Raiko, das in einem Halbkreis um seinen Körper angeordnet ist; mit zwei Schlegeln, den Bachi, schlägt er sie an und erzeugt so den Donner. Diese kreisförmige Trommelanordnung ist sein unverkennbares Erkennungszeichen in jeder bildlichen Darstellung. Die Wahl von Stierhörnern und Tigerfell ist kein Zufall, sondern verweist auf die alte chinesisch-japanische Himmelsrichtungslehre: Sie stehen symbolisch für die Richtung Nordost, jene Richtung, aus der nach altem Glauben Unglück und böse Geister – das sogenannte Kimon, das „Dämonentor“ – in die Welt eindringen. Raijin trägt somit selbst die Insignien jener gefährlichen Schwelle, die er gleichzeitig bewacht.

Untrennbar mit Raijin verbunden ist Fūjin, der Windgott, mit dem er meist als komplementäres Paar dargestellt wird: Raijin auf der einen, Fūjin mit seinem aufgeblähten Windsack auf der anderen Seite eines Bildes oder Torbogens, etwa an den berühmten Tempeltoren großer buddhistischer Heiligtümer. Diese Paarung versinnbildlicht die beiden großen, unberechenbaren Naturkräfte, die zugleich Zerstörung und Segen bringen können – Sturm und Donner, die Ernten vernichten, aber auch den lebensnotwendigen Regen herbeiführen.

In der religiösen Praxis verschmolzen Donnergottheiten zudem mit anderen Figuren: Berühmt ist die Überlieferung, dass der im 9. Jahrhundert verbannte und in Ungnade gestorbene Hofbeamte Sugawara no Michizane nach seinem Tod als rachsüchtiger Geist zum Donnergott wurde und mit Blitzschlägen Vergeltung an seinen Widersachern in der Hauptstadt übte – eine Verbindung, aus der später der bis heute verehrte Gelehrtengott Tenjin hervorging.

Im Alltagsglauben blieb Raijin lange eine Figur zwischen Furcht und Vertrautheit. Bis heute erzählt man Kindern im Sommer, Kaminari-sama komme vom Himmel herab, um ihnen den Bauchnabel zu rauben, wenn sie ihn beim Schlafen unbedeckt lassen – eine Mahnung, sich bei Gewitter warm zu halten. Wer einem Blitzschlag entgehen wollte, flüchtete sich der Überlieferung nach unter ein Moskitonetz oder murmelte das Wort „Kuwabara“, den Namen eines Landgutes, das angeblich von Michizanes Donnerschlägen verschont blieb.

Auch in der humorvollen Volksmalerei Ōtsu-e wurde Raijin gerne als tollpatschige Figur dargestellt, die ihre Trommel aus den Wolken fallen lässt und vergeblich versucht, sie mit einem Angelhaken wieder heraufzuziehen. So blieb Raijin über die Jahrhunderte ein Gott mit zwei Gesichtern: furchteinflößend genug, um Naturgewalten zu erklären, und zugleich menschlich genug, um in Geschichten, Sprichwörtern und Kindheitserinnerungen einen festen Platz zu behalten – ein Donner, der bis heute nachhallt, wann immer im Sommer die Wolken sich verdunkeln.