Der Himmel bricht auf. Nicht mit einem einzelnen Blitz, sondern mit allem auf einmal: peitschendem Regen, dem Dröhnen des Donners, Wellen, die sich wie lebendige Berge auftürmen. Irgendwo in diesem Toben ist er: Susanoo-no-Mikoto (須佐之男命), der ungestüme Mann, Bruder der Sonne – und vielleicht die widersprüchlichste Gestalt der gesamten japanischen Mythologie. Kein anderer Kami, also keine andere Gottheit, vereint Zerstörung und Zärtlichkeit, Verbannung und Erlösung so eng in sich wie er.
Susanoo ist der Sohn des Schöpfungsgottes Izanagi. Nach dem Kojiki – der „Aufzeichnung alter Begebenheiten“ aus dem Jahr 712, einer der ältesten Schriften Japans – entstand er in einem Akt rituelle Reinigung: Izanagi wusch sich nach einem Abstieg in die Unterwelt Yomi (黄泉), die Welt der Toten, die Verunreinigungen vom Körper. Als er seine Nase spülte, wurde Susanoo geboren. Aus dem linken Auge entstammte Amaterasu, die Sonnengöttin; aus dem rechten Tsukuyomi, der Mondgott. Susanoo kam aus der Nase – mit Kraft in die Welt gestoßen, ungebeten, ungestüm. Die drei zusammen nennt die Überlieferung Sankishi (三貴子), die drei erhabenen Kinder.

Izanagi wies jedem von ihnen ein Reich zu: Amaterasu den Hochhimmel Takamagahara (高天原), Tsukuyomi die Nacht, und Susanoo die Herrschaft über das Meer. Doch Susanoo weigerte sich. Er weinte – laut, ohne Aufhören, bis die Berge verdorrten, die Meere versiegten und böse Geister die Luft erfüllten. Er wollte nicht das Meer regieren. Er wollte zu seiner verstorbenen Mutter Izanami in die Unterwelt. Izanagi verlor die Geduld und verbannte ihn.
Susanoos letzter Wunsch, bevor er geht: Abschied nehmen von seiner Schwester Amaterasu. Als er jedoch in den Himmel aufsteigt, beben Berge und Erde. Amaterasu deutet sein Kommen als Angriff und rüstet sich. Es kommt zur Ukei (誓約), einem mythischen Orakelritual, das Susanoos Unschuld beweisen soll – doch kaum als unschuldig bestätigt, tobt er weiter. Er zerstört Amaterasus Reisfelder, füllt die Bewässerungsgräben, verunreinigt heilige Räume. Amaterasu zieht sich in die Felshöhle Ama-no-Iwato (天岩戸) zurück, und die Welt versinkt in Dunkelheit. Am Ende verbannt ihn die Götterversammlung endgültig vom Himmel – Kannagara (神逐), die Vertreibung eines Kami.

Was danach geschieht, ist die stärkste Geschichte, die mit Susanoo verbunden wird. Er steigt herab nach Izumo, ins Land der Götter im Westen Japans, genauer an den Fluss Hi in der Gegend von Torikami – dem heutigen Berg Funatsuyama in der Präfektur Shimane. Dort trifft er auf ein weinendes altes Ehepaar und ihre Tochter Kushinada-hime (櫛名田比売). Sie berichten von Yamata no Orochi (八岐遠呂智) – einem achtköpfigen Ungeheuer, das jedes Jahr eine ihrer Töchter geholt hat. Sieben sind bereits verschwunden. Kushinada-hime wäre die achte.
Susanoo verspricht Rettung und nimmt Kushinada-hime zur Frau. Um sie zu schützen, verwandelt er sie in einen fein gezähnten Kamm und steckt ihn in sein Haar – ein ungewöhnliches, aber zärtliches Bild: die Geliebte sicher verwahrt, unsichtbar, bis die Gefahr vorüber ist. Dann lässt er acht Krüge Reiswein brauen, stellt sie an acht Tore eines Zauns und wartet. Yamata no Orochi kommt, trinkt mit jedem seiner Köpfe einen Krug leer und schläft betrunken ein. Susanoo schlägt das Ungeheuer in Stücke – der Fluss Hi färbt sich rot von dessen Blut. Als er den mittleren Schwanz durchhaut, bricht seine Klinge. Im Inneren des Schwanzes findet er ein Schwert: das Kusanagi-no-Tachi (草那藝之大刀), das spätere „grasmähende Schwert“. Er schickt es als Gabe hinauf zu Amaterasu – eine Geste der Versöhnung. Dieses Schwert wurde eines der drei kaiserlichen Throninsignien Japans, die bis heute im Atsuta-Schrein in Nagoya aufbewahrt werden.

Mit Kushinada-hime zieht Susanoo in die Gegend von Suga in Izumo. Dort dichtet er – und was er dichtet, gilt als das erste Waka-Gedicht der japanischen Literaturgeschichte überhaupt: ein Lobpreis auf das Haus, das er für seine Frau baut, auf die achtfachen Wolken, die sich über Izumo erheben. Der Sturmgott als Lyriker – auch das ist Susanoo.

In der bildenden Kunst, besonders in den Ukiyo-e-Holzschnitten der Edo-Zeit, erscheint Susanoo meist als kraftvoller Krieger im Kampf gegen Yamata no Orochi, umgeben von aufgewühltem Wasser und dunklem Himmel. Daneben existieren ruhigere Darstellungen: der Gott als Dichter, als Beschützer, mit dem Schwert an der Seite. Im synkretistischen Glauben des mittelalterlichen Japan – dem Shinbutsu-shūgō (神仏習合), der Verschmelzung von Shintō und Buddhismus – wurde Susanoo mit Gozu Tennō (牛頭天王), dem Ochsenkopf-Himmelskönig, gleichgesetzt, einem Beschützer vor Seuchen und Unheil. Als die Meiji-Regierung im 19. Jahrhundert Shintō und Buddhismus per Gesetz trennte, wurden all jene Schreine, die Gozu Tennō verehrt hatten, offiziell auf Susanoo-no-Mikoto umgeschrieben – darunter der berühmte Yasaka-Schrein (八坂神社) in Kyotos Gion-Viertel, der heute Zentrum von rund 3000 Yasaka-Schreinen landesweit ist.
Susanoo ist ein Kami ohne einfache Botschaft. Er weinte, bevor er kämpfte. Er trug die Geliebte im Haar, bevor er das Schwert zog. Und er verschenkte das kostbarste, was er je gefunden hatte, an die Schwester, die ihn aus dem Himmel verbannt hatte. In ihm lebt bis heute die japanische Überzeugung, dass hinter dem Sturm nicht bloß Chaos steckt – sondern auch die Möglichkeit zur Wandlung.
