Japan – Kyōto Higashi Hongan-ji Tempel – Die verbotene Seitentür

Der Regen hatte bereits aufgehört, doch über Kyōto lag noch immer diese schwere, glänzende Dunkelheit, die nur alte Städte besitzen. Das Pflaster der schmalen Straßen reflektierte das Licht der Papierlaternen wie schwarzes Wasser, und aus den Dachrinnen tropfte es langsam in die Stille der Nacht. Über den Häusern ragten die gewaltigen Schatten des Higashi Hongan-ji auf — dunkel, unbeweglich und so groß, als würde der Tempel selbst schlafen. Man sagte, dass die Hallen nachts anders atmeten. Langsamer. Tiefer. Fast wie ein lebendes Wesen.

Zu jener Zeit, in den letzten Jahren der Taishō-Ära, lebte ein junger Mann namens Hayato im Shimogyō-Viertel. Er war Student, Sohn eines Händlers, voller Stolz und überzeugt davon, dass Geistergeschichten nur Märchen für Kinder seien. Während andere bei Geschichten über Yōkai schwiegen und nervös zur Seite blickten, lachte Hayato nur und behauptete, die Menschen würden aus Dunkelheit Gespenster erschaffen, weil sie Angst vor ihrer eigenen Einsamkeit hätten. Genau deshalb liebte es sein Freundeskreis, ihn mit alten Geschichten Kyōtos zu reizen.

Eines Abends saßen sie in einem kleinen Teehaus nahe der Tempelmauern. Der Wind strich durch die Bambusjalousien, irgendwo erklang dumpf eine Glocke, und der Besitzer des Teehauses erzählte mit leiser Stimme von der verbotenen Seitentür des Higashi Hongan-ji. Niemand öffne sie nach Mitternacht. Nicht die Mönche. Nicht die Wächter. Nicht einmal die Obdachlosen, die manchmal Schutz unter den Dächern suchten. Hayato grinste nur müde und fragte spöttisch, ob dahinter etwa ein Oni schlafe. Doch der alte Teemeister antwortete nicht sofort. Er blickte lange hinaus in die regennasse Straße, als lausche er einem Geräusch, das nur er hören konnte. Schließlich sagte er ruhig: „Weil manche Türen nicht zu Räumen führen.“

Für einen Augenblick wurde es still im Teehaus. Selbst Hayato spürte dieses unangenehme Ziehen tief im Bauch, doch sein Stolz war stärker als jedes Unbehagen. Er erklärte lachend, dass er die Tür noch in derselben Nacht öffnen werde. Zum ersten Mal hob der alte Mann den Blick direkt zu ihm, und in seinen Augen lag keine gespielte Mystik, sondern echte Angst. „Wenn du sie öffnest“, sagte er langsam, „darfst du niemals hineingehen. Ganz gleich, was du hörst.“ Doch Hayato hatte seine Entscheidung längst getroffen.

Kurz vor Mitternacht schlich er durch die stillen Straßen zum Tempel. Der Regen hatte die Luft gekühlt, und ein feiner Nebel kroch zwischen den Häusern hindurch. Der Higashi Hongan-ji wirkte in der Dunkelheit riesig und beinahe unmenschlich groß. Die gewaltigen Dächer verschwanden im Schwarz der Nacht, während die goldenen Verzierungen an den Giebeln matt glänzten wie die Augen eines schlafenden Tieres. Hayato überstieg eine niedrige Steinbegrenzung und gelangte auf das Gelände. Sofort fiel ihm die Stille auf. Keine Grillen. Kein Wind. Nicht einmal das Rascheln seiner eigenen Kleidung schien hörbar zu sein. Nur irgendwo tief im Tempel knackten langsam alte Holzbalken.

Er ging weiter zwischen den dunklen Hallen hindurch. Die steinernen Laternen entlang des Weges waren längst erloschen, und die Schatten der Säulen wirkten wie reglose Gestalten, die ihn beobachteten. Schließlich erreichte er die Seitentür. Sie war kleiner, als er erwartet hatte. Unspektakulär. Aus altem, fast schwarzem Holz gefertigt und verborgen zwischen zwei langen Korridoren unter einem tiefen Dachvorsprung. Gerade ihre Gewöhnlichkeit machte sie unheimlich. Denn obwohl die Nacht vollkommen windstill war, bewegte sich die Metallklinke leicht hin und her. Ein leises Klicken durchschnitt die Stille, als würde jemand von innen dagegen tippen.

Hayato blieb stehen. Zum ersten Mal spürte er echte Angst. Nicht die angenehme Nervosität eines jungen Mannes auf der Suche nach Nervenkitzel, sondern eine schwere, kalte Angst, die sich langsam in seinem Körper ausbreitete. Er erinnerte sich an die Warnung des alten Teemeisters und hätte in diesem Moment noch umkehren können. Doch dann schämte er sich für seine eigene Unsicherheit. Er trat näher und legte die Hand auf das Holz der Tür. Es war eiskalt. Nicht wie Holz, sondern wie feuchter Stein im Winter.

Langsam öffnete er die Tür.

Sofort verstand er, dass etwas unmöglich war. Hinter der Tür lag kein kleiner Raum und kein Innenhof. Stattdessen erstreckte sich ein langer Gang in die Dunkelheit hinein — viel länger, als es innerhalb des Tempels überhaupt möglich sein durfte. Zu beiden Seiten standen rote Papierlaternen in endlosen Reihen. Ihr flackerndes Licht ließ die Schatten an den Wänden zittern, als würden sie leben. Der Korridor schien kein Ende zu besitzen. Je weiter Hayato blickte, desto mehr verlor sich alles in schwarzer Tiefe.

Dann bemerkte er den Geruch. Altes Räucherwerk. Feuchtes Holz. Und darunter etwas Süßliches, Faulendes, wie Blumen, die zu lange auf einem Grab gelegen hatten.

Kurz darauf hörte er Stimmen.

Zunächst waren es nur undeutliche Laute, kaum mehr als ein Flüstern. Doch langsam wurde daraus ein rhythmischer Gesang. Tief, monoton und schwer wie das Summen einer gewaltigen Maschine. Hunderte Stimmen beteten gleichzeitig: „Namu Amida Butsu… Namu Amida Butsu…“

Hayatos Herz begann zu rasen. Der Gesang kam aus der Tiefe des Ganges. Dort hinten bewegten sich Schatten. Langsam. Schlurfend. Immer näher. Er wollte die Tür sofort zuschlagen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Es war, als hätte die Dunkelheit selbst seinen Geist fest umschlossen. Gleichzeitig fürchtete er sich und konnte den Blick doch nicht abwenden.

Die Gestalten wurden deutlicher. Es waren Mönche — oder etwas, das einmal Mönche gewesen war. Ihre Gewänder waren verbrannt und schwarz vor Ruß. Die Haut hing in verkohlten Fetzen von ihren Gesichtern, manche besaßen keine Augen mehr, andere trugen schwere Gebetsketten aus dunkel verbranntem Holz. Während sie langsam weitergingen und beteten, tropfte schwarze Flüssigkeit aus ihren Ärmeln auf den Boden. Erst glaubte Hayato, es sei Wasser. Doch als der Geruch stärker wurde, begriff er, dass es Asche war.

Plötzlich bemerkte er etwas noch Schlimmeres. Die Prozession bewegte sich gar nicht auf ihn zu. Die Gestalten gingen an ihm vorbei, ohne ihn überhaupt anzusehen, als wäre er bedeutungslos. Alle bewegten sich in dieselbe Richtung — tiefer hinein in die Dunkelheit des Korridors. Und dort hinten, weit jenseits der Laternen, begann etwas Gewaltiges zu atmen.

Das Geräusch war langsam und schwer. Jeder Atemzug klang, als würde irgendwo tief unter der Erde ein riesiger Ofen erwachen. Dann hörte Hayato das Schleifen von Ketten. Dicke, schwere Eisenketten, die über Stein gezogen wurden. Der Gesang der verbrannten Mönche wurde hektischer. Fast panisch. Ihre Stimmen überschlugen sich in endlosen Gebeten, während das Atmen näher kam.

Dann sprach etwas.

Die Stimme war nicht laut, doch sie vibrierte durch den gesamten Gang und ließ die Laternen erzittern.

„Wer… hat… geöffnet…?“

Im selben Augenblick erloschen sämtliche Lichter.

Absolute Dunkelheit verschlang den Korridor.

Hayato hörte plötzlich schwere Schritte. Nicht menschlich. Etwas Riesiges bewegte sich dort hinten zwischen den Mönchen. Holz splitterte. Ketten spannten sich. Die betenden Stimmen wurden zu einem verzweifelten Chor. Und dann erschienen tief in der Dunkelheit zwei rot glühende Augen — viel zu hoch über dem Boden.

Hayato konnte sich nicht bewegen. Diese Augen blickten direkt in ihn hinein, als würden sie jede Erinnerung und jede Angst in seinem Inneren sehen. Langsam formte sich darunter ein Grinsen. Keine menschlichen Lippen. Nur Reihen langer, weißer Zähne.

In diesem Moment rannte Hayato.

Später konnte er nie mehr erklären, wie er entkommen war. Er erinnerte sich nur noch daran, dass er plötzlich draußen auf den kalten Steinen des Tempelhofs lag. Die Seitentür hinter ihm war geschlossen und still, als wäre niemals etwas geschehen. Doch kurz bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er noch einmal dieses tiefe Atmen hinter dem Holz.

Am nächsten Morgen fand man ihn vor dem Tempel. Sein Haar war teilweise weiß geworden, seine Hände bluteten, weil er sich im Steinboden festgekrallt hatte, und obwohl er erst zweiundzwanzig Jahre alt war, wirkte sein Gesicht wie das eines alten Mannes. Von diesem Tag an sprach Hayato kaum noch. Wenn ihn jemand fragte, was er gesehen habe, begann er zu zittern. Nur manchmal murmelte er nachts denselben Satz: „Sie beten noch immer… damit es nicht herauskommt.“

Viele Jahre später, kurz vor seinem Tod, vertraute Hayato einem einzigen Menschen noch etwas an, das er all die Zeit verschwiegen hatte. Dort hinten im Gang, hinter den verbrannten Mönchen und hinter dem riesigen Wesen mit den roten Augen, habe sich noch eine zweite Tür befunden. Als das Wesen gelächelt habe, sei diese zweite Tür langsam aufgegangen. Nur einen kleinen Spalt breit.

Doch dahinter, sagte Hayato mit letzter Kraft, hätten tausende Augen gleichzeitig zurückgestarrt.

Ein paar Bilder von diesem
magischen Ort
in Kyōto
Higashi Hongan-ji Tempel
東本願寺