Vor langer Zeit lebte hoch oben auf dem Berg Shigi ein Mönch namens Myoren. Seine Hütte war klein, aus Holz gezimmert und vom Wind umtost. Im Winter kroch die Kälte durch die Ritzen der Wände, im Sommer flirrte die Hitze über den Steinen des schmalen Bergpfades. Doch Myoren beklagte sich nie. Er hatte der Welt entsagt, um in Stille zu beten und sein Herz zu läutern. Besitz bedeutete ihm nichts.
Seine einzige Habe bestand aus einer schlichten Reisschale, einem abgetragenen Gewand und einem kleinen Vorrat an Reis, den ihm Dorfbewohner gelegentlich brachten. Wenn er aß, dann langsam und dankbar, jeden Bissen als Geschenk betrachtend.

Eines Tages jedoch war sein Vorrat aufgebraucht. Kein Korn war mehr übrig. Die Schale stand leer vor ihm. Draußen heulte der Wind durch die Zedern, und dichter Nebel umhüllte den Berg. Drei Tage lang hatte Myoren gefastet. Sein Körper war schwach, doch sein Geist blieb ruhig.
Er faltete die Hände und sprach ein stilles Gebet zu Bishamonten, dem himmlischen Beschützer, dem der Tempel auf dem Berg geweiht war. Er bat nicht um Reichtum. Er bat nur darum, weiter dienen zu können – weiter beten zu dürfen, ohne dass Hunger seinen Geist trübte.
Kaum war das Gebet verklungen, geschah etwas Seltsames. Die Reisschale begann leicht zu vibrieren. Zuerst glaubte Myoren, es sei nur eine Einbildung. Doch dann hob sie sich langsam vom Boden. Lautlos schwebte sie zur Tür hinaus und verschwand im Nebel.
Tief unten im Tal lebte ein wohlhabender Bauer. Seine Speicher waren gefüllt bis unter das Dach. Reis in Säcken gestapelt, sorgfältig gezählt und gehütet. Er war fleißig gewesen, hatte klug gewirtschaftet – doch mit den Jahren war sein Herz eng geworden. Wenn Bettler an seine Tür klopften, schüttelte er den Kopf. „Ich habe selbst kaum genug“, sagte er, obwohl seine Vorräte mehr als ausreichten.
Gerade als er an diesem Abend seine Lagerhalle abschloss, hörte er ein leises Klopfen. Verwirrt drehte er sich um. Durch das offene Fenster glitt eine einfache Holzschale herein. Wie von unsichtbarer Hand geführt, tauchte sie in einen der Reissäcke, füllte sich bis zum Rand – und schwebte wieder hinaus.
Der Bauer erstarrte. „Ein Dieb! Ein Geist!“ rief er. Doch als er hinauslief, war nichts zu sehen.
Am nächsten Tag geschah es wieder. Und am dritten ebenfalls. Jedes Mal verlor er nur eine Schale Reis – doch es war nicht die Menge, die ihn erzürnte. Es war die Tatsache, dass jemand sich nahm, ohne zu fragen.
Schließlich versteckte er sich im Speicher, die Augen fest auf das Fenster gerichtet. Als die Schale erneut erschien, sprang er hervor und packte sie mit beiden Händen. „Jetzt habe ich dich!“ schrie er triumphierend.
Im selben Augenblick bebte der Boden. Ein tiefes Grollen erfüllte die Luft. Balken ächzten, Staub rieselte von der Decke. Die Schale in seinen Händen zog mit unsichtbarer Kraft nach oben. Und dann – unfassbar – begann das gesamte Lagerhaus sich vom Fundament zu lösen.
Der Bauer schrie vor Angst, als sein kostbarer Speicher langsam in die Höhe stieg. Bretter knackten, Seile spannten sich, doch nichts zerbrach. Wie ein riesiger Vogel erhob sich das Gebäude in den Himmel und flog – dem Berg entgegen.
Oben auf Shigisan saß Myoren noch immer in Meditation. Als er die Augen öffnete, senkte sich vor seiner Hütte nicht nur seine Reisschale – sondern das komplette Lagerhaus des Bauern. Es landete mit einem dumpfen, aber sanften Schlag auf einer freien Fläche nahe dem Tempel.
Kurz darauf kam der Bauer keuchend und verzweifelt den Bergpfad hinaufgerannt. Als er sein Lagerhaus dort stehen sah, sank er auf die Knie. Sein Zorn war verflogen. Übrig blieb nur Furcht – und Scham.
Myoren trat aus seiner Hütte. Sein Gesicht war ruhig, ohne Vorwurf. „Warum hältst du so fest, was doch vergänglich ist?“ fragte er leise.
Der Bauer starrte zu Boden. Zum ersten Mal begriff er, wie sehr ihn seine Angst vor Verlust beherrscht hatte. Dabei hatte er mehr als genug. Und während er sich sorgte, litt anderswo vielleicht jemand Hunger.
„Der Reis, den du hortest,“ sagte Myoren sanft, „verdirbt, wenn er nicht geteilt wird. Doch der Reis, den du verschenkst, nährt nicht nur andere – er nährt auch dein eigenes Herz.“
Tränen liefen dem Bauern über das Gesicht. Er bat um Vergebung. Und noch am selben Tag begann er, seinen Reis an Bedürftige im Tal zu verteilen.
Man erzählt sich, dass das Lagerhaus auf wundersame Weise wieder an seinen ursprünglichen Platz zurückkehrte. Doch die Reisschale blieb von da an ruhig. Sie musste nicht mehr fliegen.
Denn das wahre Wunder war nicht das schwebende Gebäude gewesen.
Es war die Wandlung eines menschlichen Herzens.
Ein paar Bilder von dieser
magischen Ort
in Nara
Shigi-san
(信貴山)
































