Ende der Edo-Zeit, im Frühjahr des Jahres 1864, stand der siebzehnjährige Haruma zum ersten Mal vor dem Aufstieg auf den Zōzu-san. Er war Sohn eines Salzarbeiters an der Küste der Seto-Inlandsee und hatte sein Dorf noch nie verlassen. Sein Leben war flach gewesen wie der Horizont über dem Meer – Wind, Wasser, Arbeit. Doch nun erhob sich vor ihm der Berg, auf dessen Hängen das Heiligtum von Konpira stand. Still, bewaldet, beinahe wachsam.
Sein Vater war seit Monaten krank. Ein Husten, der in der Nacht wie ein fernes Brechen von Wellen klang und nicht mehr verschwand. Die Fischer des Dorfes hatten Geld gesammelt, damit Haruma stellvertretend für alle pilgern konnte. „Der Berg hört“, hatte seine Großmutter gesagt, während sie ihm ein kleines Stoffbeutelchen mitgab. „Aber er hört nur, wenn du ehrlich bist.“
Die ersten Stufen wirkten fast festlich. Händler riefen ihre Waren aus, Pilger unterhielten sich, Kinder liefen lachend zwischen den Erwachsenen hindurch. Doch mit jedem Schritt nach oben wurde es ruhiger. Die Stimmen verklangen, als würden sie vom Hang verschluckt. Der Wind änderte sich. Er war nicht stärker als zuvor, doch gleichmäßiger. Ruhiger. Er kam in langen, sanften Wellen vom Meer herauf, strich durch die Zedern und ließ ihre Kronen im gleichen Rhythmus schwanken.
Haruma blieb stehen und lauschte. Zwischen den Stämmen hing der Duft von Harz und feuchter Erde. Die Stufen unter seinen Füßen waren glattgetreten von Generationen von Pilgern. Und plötzlich überkam ihn ein seltsames Gefühl: Der Berg war nicht nur Landschaft. Er reagierte. Nicht sichtbar, nicht greifbar – aber spürbar. Als würde er den Schritt jedes Menschen wahrnehmen, der ihn betrat.
Auf halber Höhe begegnete ihm ein alter Lastenträger, dessen Rücken von schweren Reissäcken gebeugt war. Der Mann blieb neben ihm stehen, ohne ihn direkt anzusehen. „Erster Aufstieg?“, fragte er ruhig. Haruma nickte. Der Alte schob den Sack auf seiner Schulter zurecht. „Dann versuch nicht, etwas zu verlangen“, sagte er. „Bring dem Berg etwas.“ — „Was denn?“ fragte Haruma unsicher. Der Mann lächelte kaum merklich. „Aufmerksamkeit.“ Dann setzte er seinen Weg fort, Schritt für Schritt, als kenne er jede Unebenheit im Stein.
Je höher Haruma stieg, desto dichter wurden die Zedern. Nebelschwaden begannen zwischen den Stämmen zu wandern. Kein dichter Nebel, eher feine Schleier, die vom Hang aufstiegen. Der Wind kam nun in gleichmäßigen Atemzügen. Die Bäume bewegten sich synchron. Selbst die hölzernen Laternen klangen leise, wenn die Luft durch ihre Öffnungen strich.
Es war kein dramatischer Moment. Kein Blitz, kein Wunder. Und doch hatte Haruma plötzlich das Gefühl, als hebe und senke sich der Boden unter ihm ganz leicht – kaum wahrnehmbar, eher ein inneres Empfinden. Ein Rhythmus, der größer war als er selbst.
Er kniete.
Nicht aus Angst. Sondern weil man vor etwas Lebendigem nicht einfach stehen bleibt.
Er dachte an seinen Vater, an das flache Meer, an den salzigen Geruch der Arbeitstage, an das angestrengte Atmen in der Nacht. Seine Hände lagen auf dem kühlen Stein. Er sprach kein formelles Gebet. Keine gelernten Worte. Nur einfache Sätze.
„Wenn mein Vater leben soll, gib ihm Kraft. Wenn nicht, gib uns Mut.“
Der Wind legte sich für einen Augenblick. Nicht plötzlich. Nicht unnatürlich. Es war nur eine kleine Pause zwischen zwei Böen. Eine Stille, die so vollkommen war, dass selbst sein eigener Atem laut erschien.
Dann setzte der Wind wieder ein.
Langsam. Gleichmäßig. Wie zuvor.
Als Haruma Stunden später den Berg hinabstieg, hatte sich nichts Sichtbares verändert. Der Nebel lichtete sich, Händlerstimmen kehrten zurück, Kinder lachten. Und doch fühlte er sich leichter. Nicht, weil er eine Antwort erhalten hatte – sondern weil er verstanden hatte, dass der Berg nicht dazu da war, Wünsche zu erfüllen. Er war da, um zuzuhören.
Sein Vater wurde nicht sofort gesund. Aber der Husten verlor an Schwere. Wochen später konnte er wieder kurze Strecken gehen. Und viele Jahre danach, als Haruma selbst älter war und mit seinen Kindern am Ufer der Seto-Inlandsee saß, erzählte er ihnen vom Aufstieg.
„Der Berg hat nicht gesprochen“, sagte er. „Er hat nur geatmet. Und manchmal reicht es, zu wissen, dass etwas Größeres deinen Atem hört.“
Seit jener Zeit sagt man in Kotohira, dass der Zōzu-san kein gewöhnlicher Berg ist. Wer früh genug aufbricht und zwischen den Zedern innehält, kann es selbst spüren – dieses langsame, ruhige Ein- und Ausatmen, das vom Meer heraufzieht und durch die Bäume wandert.
Nicht laut.
Nicht übernatürlich.
Nur lebendig.
Ein paar Bilder von
der heutigen Treppen
und der Aufstieg auf den Berg





























