Es ist die Stunde, in der das Licht noch nicht entschieden hat, ob es Tag oder Nacht sein will.
Ein Mann steht am Rand eines schmalen, finsteren Pfades, der sich tief in den Felsen hinabschraubt. Hinter ihm liegt die helle Welt, vor ihm nur Dunkelheit, aus der ein vertrauter, doch fremd gewordener Atem zu ihm dringt. Er hält einen Kamm in der Hand, dessen Zähne er bald als improvisierte Fackel entzünden wird, und er trägt ein Schwert an der Seite, das er noch nicht gezogen hat. Er ist gekommen, um seine Frau zurückzuholen. Er weiß noch nicht, dass er stattdessen den Tod selbst kennenlernen wird – und dass aus diesem Schrecken die Sonne geboren werden soll.

Dieser Mann ist Izanagi, im Schriftzeichen 伊邪那岐 festgehalten, dessen Name sich von einem alten Verb für „einladen“ oder „verlocken“ ableitet – passend zu einer Gottheit, die am Anfang der Schöpfung ihre Partnerin buchstäblich zur gemeinsamen Tat einlud. Izanagi gehört zu den Kami, den Gottheiten des shintoistischen Glaubens, genauer zu jener letzten Generation der sogenannten Kamiyonanayo, der „Siebenten Götterzeitalter“, mit denen die eigentliche, formende Schöpfung beginnt. Gemeinsam mit seiner Schwester und Gemahlin Izanami erhielt er von den älteren Himmelsgöttern den Auftrag, das noch ungeformte, in der Urflut treibende Land zu festigen. Mit einem juwelenbesetzten Speer, dessen genauer Name in den Quellen variiert, rührten die beiden das Urmeer auf, bis Tropfen vom Speerende fielen und zu einer ersten Insel gerannen. Dort vollzogen sie ihre Vermählung und brachten daraufhin, in einer langen Folge göttlicher Geburten, die Inseln Japans zur Welt – und mit ihnen unzählige Naturgottheiten, die Meere, Berge, Wind und Bäume verkörpern. Izanagi ist damit, zusammen mit Izanami, einer der beiden Urväter der japanischen Inselwelt selbst; aus seiner Linie wird später, über mehrere Generationen, auch das Kaiserhaus seine mythologische Herkunft ableiten.

Die dramatischste und folgenreichste Episode seiner Geschichte beginnt mit einem Verlust. Bei der Geburt des Feuergottes erleidet Izanami tödliche Verbrennungen und stirbt – der erste Tod in der gesamten Mythologie. Izanagi, außer sich vor Trauer und Zorn, zieht sein Schwert und tötet den neugeborenen Feuergott, aus dessen Blut wiederum neue Götter entstehen. Doch der Verlust lässt ihn nicht ruhen: Er steigt hinab in das Yomi, das unterirdische Totenreich, um Izanami zurückzuholen. Aus dem Dunkel antwortet ihm ihre Stimme – sie habe bereits von der Speise der Unterwelt gegessen und könne deshalb nicht ohne weiteres zurückkehren, wolle aber mit den Göttern des Totenreichs verhandeln. Nur eine Bedingung stellt sie: Er dürfe sie währenddessen nicht ansehen. Izanagi wartet, doch die Geduld verlässt ihn. Er entzündet einen Zahn seines Haarkamms als Licht und blickt hinein – und erblickt seine einst geliebte Frau als verwesenden, von Maden übersäten Leib, an dem acht Donnergötter haften. Entsetzt flieht er, und die zutiefst beschämte Izanami schickt ihm gespenstische Wesen und schließlich die Donnergötter selbst nach. Auf der Flucht wirft Izanagi seinen Haarschmuck und seinen Kamm hinter sich, aus denen Trauben und Bambussprossen wachsen, die seine Verfolger kurz aufhalten; am Eingang der Unterwelt bewirft er sie zuletzt mit Pfirsichen, deren magische Kraft sie endgültig vertreibt. Mit einem gewaltigen Felsen verschließt er den Zugang zum Totenreich. Aus dem Inneren ruft ihm Izanami zu, sie werde nun jeden Tag tausend Menschen sterben lassen; Izanagi erwidert, er werde dafür täglich fünfzehnhundert Menschen das Leben schenken lassen. In dieser bitteren Antwort liegt der mythologische Ursprung von Tod und Geburt als Gegenspiel, das seither das menschliche Dasein bestimmt.

Von der Unterwelt gezeichnet, vollzieht Izanagi am Strand eine Misogi, ein reinigendes Wasserritual, mit dem er die Verunreinigung des Totenreichs von sich abwäscht. Aus diesem Akt der Reinigung entstehen weitere Götter, doch drei von ihnen ragen heraus: Aus seinem linken Auge entsteht Amaterasu-Ōmikami, die Sonnengöttin, aus seinem rechten Tsukuyomi-no-Mikoto, der Mondgott, und aus seiner Nase Susanoo-no-Mikoto, der ungestüme Sturmgott. Diese drei werden als die „edlen Geschwister“ bezeichnet und erhalten von ihrem Vater die Herrschaft über Himmel, Nacht und Meer zugewiesen. Damit übergibt Izanagi, gereift durch Fehler und Verlust, die Verantwortung an die nächste Götter-Generation und zieht sich der Überlieferung nach in einen verborgenen Ruhesitz zurück.

In der bildlichen Darstellung erscheint Izanagi meist als ältere, würdevolle männliche Gestalt in höfischer Tracht, oft gemeinsam mit Izanami auf der schwebenden „Himmelsbrücke“ stehend, beide über den juwelengeschmückten Speer gebeugt, mit dem sie das Urmeer rühren. Ein zweites wiederkehrendes Bildmotiv zeigt ihn mit gezogenem Schwert – jenem zehn Handbreiten langen Ritualschwert, das in den Mythen mehrfach auftaucht und das er nutzt, um den Feuergott zu erschlagen und sich später durch die Unterwelt einen Weg frei zu hauen.

In Verbindung mit Izanami wird er gelegentlich als Stifter der ersten ehelichen Verbindung dargestellt, weshalb beide bis heute mit Eheglück und einer sicheren Geburt assoziiert werden. Eine ikonografische Verschmelzung mit fremden Gottheiten, wie sie etwa bei manchen anderen Kami mit buddhistischen Figuren stattfand, ist bei Izanagi kaum ausgeprägt; er bleibt vergleichsweise „rein“ shintoistisch, was seine Verehrung von späteren synkretistischen Überlagerungen weitgehend freihält.

Bis heute wird Izanagi vor allem als Stammvater der drei großen Geschwistergötter verehrt, von denen besonders Amaterasu als Ahnin des Kaiserhauses zentrale Bedeutung besitzt – seine eigene Verehrung lebt insofern stark im Schatten und im Verweis auf seine Kinder weiter. Wichtiger noch als sein Mythos selbst ist vielleicht sein Vermächtnis im Alltag: Die Misogi, jene reinigende Waschung, mit der er sich von der Totenwelt löste, ist bis in die Gegenwart die Grundlage nahezu jedes shintoistischen Reinheitsrituals, vom einfachen Händewaschen am Schreineingang bis zu aufwendigen Zeremonien. Wer heute an einem Tempeltor seine Hände unter fließendem Wasser reinigt, vollzieht im Kleinen jene Geste nach, mit der einst ein trauernder Gott, gezeichnet vom Anblick des Todes, sich selbst und – ohne es zu wissen – gleich drei der bedeutendsten Götter Japans neues Leben schenkte.
