Japan – Gut zu Wissen – Wer ist Amaterasu-Ōmikami (天照大御神)

Es gibt einen Moment in der japanischen Mythologie, in dem die Welt buchstäblich erlischt.

Eine Felshöhle, tief verschattet, der Eingang von Stein versperrt, und draußen, vor dieser Höhle, herrscht eine Dunkelheit, die keine Nacht ist, sondern das Fehlen der Sonne selbst. Hähne krähen verwirrt zur falschen Zeit, Geister und Unglück streifen ungehindert durch die Felder, und Hunderttausende von Göttern, die Yaoyorozu no Kami, drängen sich ratlos vor dem verschlossenen Eingang. Hinter diesem Stein sitzt Amaterasu-Ōmikami, 天照大御神, die Große Erhabene Göttin, die den Himmel erleuchtet – und sie hat sich selbst eingeschlossen, verletzt und erschöpft von der Rücksichtslosigkeit ihres eigenen Bruders.

Amaterasu nimmt in der shintoistischen Götterwelt keine gewöhnliche Stellung ein.. Sie gilt als die zentrale Sonnengöttin und als mythologische Stammmutter des japanischen Kaiserhauses, dessen Herrschaft traditionell auf eine direkte göttliche Abstammungslinie von ihr zurückgeführt wird. Ihre Herkunft liegt in einem der seltsamsten und poetischsten Momente der frühen Schöpfungserzählungen: Der Urvater-Gott Izanagi, gerade zurückgekehrt aus dem Totenreich, reinigt sich rituell am Meer. Aus dem Waschen seines linken Auges entsteht Amaterasu, aus dem rechten Auge ihr Bruder Tsukuyomi, der Mondgott, und aus dem Reinigen seiner Nase Susanoo, der ungestüme Gott des Sturms und des Meeres. Drei Geschwister, geboren aus reinigendem Wasser statt aus einem Schoß – ein Ursprung, der Amaterasu von Anfang an etwas Lichtes, Klares und Unverdorbenes mitgibt.

Die prägende Geschichte um Amaterasu ist jedoch nicht ihre Geburt, sondern ihr Verschwinden. Ihr Bruder Susanoo, vom Vater aus dem Himmel verbannt, sucht vor seinem endgültigen Abschied noch einmal die Nähe seiner Schwester – doch was als Versöhnung beginnt, kippt in Zerstörung. Susanoo verwüstet die himmlischen Reisfelder, entweiht heilige Rituale und schließlich, in einem der grausamsten Bilder der gesamten Mythologie, schleudert er ein gehäutetes Pferd durch das Dach der Webhütte, in der Amaterasu und ihre himmlischen Weberinnen gerade Gewänder für die Götter fertigen. Eine der Weberinnen kommt dabei zu Tode. Amaterasu, zutiefst erschüttert von dieser Gewalt und Schändung des Heiligen, zieht sich in die Felsenhöhle Ame-no-Iwato zurück und verschließt den Eingang. Mit ihr verschwindet das Licht aus der Welt.

Was nun folgt, ist eine der lebendigsten Szenen der japanischen Götterwelt und zugleich der Ursprung zentraler shintoistischer Kulthandlungen. Die Götter versammeln sich vor der Höhle und beraten verzweifelt. Schließlich hängt man einen Spiegel und Juwelen in einen heiligen Sakaki-Baum vor den Felsen, Hähne werden zum Krähen gebracht, und die Göttin Ame-no-Uzume beginnt einen ausgelassenen, halb entblößten Tanz auf einem umgedrehten Bottich, der die übrigen Götter zu solch lautem Gelächter bringt, dass Amaterasu, neugierig geworden, den Felsen einen Spalt öffnet. Man hält ihr den Spiegel entgegen – sie erblickt darin ihr eigenes strahlendes Abbild, hält es für eine noch hellere Rivalin und tritt näher, um besser zu sehen. In diesem Moment zieht ein kräftiger Gott den Felsen vollständig zurück, und das Licht kehrt in die Welt zurück.

Diese Erzählung erklärt, warum Spiegel zu den wichtigsten Sinnbildern Amaterasus gehören. Der mythische Spiegel aus der Höhlenszene gilt als einer der drei kaiserlichen Throninsignien Japans und wird der Überlieferung nach im Ise-Schrein, ihrem bedeutendsten Kultort, als Yata no Kagami verwahrt – nicht öffentlich sichtbar, sondern als verhülltes, hochheiliges Symbol ihrer Gegenwart. In Darstellungen erscheint Amaterasu meist in strahlendem Weiß oder Gold gekleidet, oft mit einer Sonnenscheibe oder einem Strahlenkranz hinter dem Kopf, manchmal mit dem Spiegel in den Händen. Ihre Symbolik bleibt zurückhaltender als die vieler anderer Gottheiten: Statt comichaft auftretender Sonnenattribute dominiert eine stille, fast unnahbare Helligkeit – Amaterasu wird selten kämpferisch oder dramatisch dargestellt, sondern als ruhende, alles durchdringende Lichtquelle.

Eine interessante Verbindung ergibt sich zur Göttin Benzaiten, die ursprünglich aus dem indischen Sarasvati-Kult über den Buddhismus nach Japan kam und dort mit Wasser, Musik und Beredsamkeit assoziiert wird. Während Amaterasu und Benzaiten unterschiedlichen religiösen Wurzeln entstammen – die eine rein shintoistisch, die andere buddhistisch-synkretistisch –, wurden beide im Honji-suijaku-Denken der Mittelalterzeit gelegentlich in denselben kosmologischen Rahmen gestellt, in dem japanische Kami als irdische Erscheinungsformen buddhistischer Gottheiten galten. Amaterasu selbst wurde dabei zeitweise mit dem kosmischen Buddha Dainichi Nyorai gleichgesetzt, dessen Name wörtlich „großes Sonnenlicht“ bedeutet – eine an Symbolik kaum zu überbietende Parallele zwischen shintoistischer Sonnengöttin und buddhistischem Lichtbuddha.

Bis heute ist Amaterasu lebendig wie kaum eine andere Gestalt des Shintō. Der Ise-Jingū-Schrein, ihr zentrales Heiligtum, wird alle zwanzig Jahre im Ritual des Shikinen Sengū vollständig neu errichtet – ein Akt ewiger Erneuerung, der ihrer Rolle als Quelle unerschöpflichen Lichts entspricht. Die Verbindung zwischen Sonnengöttin und Kaiserhaus prägt staatliche Zeremonien bis in die Gegenwart, und ihre Höhlenerzählung lebt in unzähligen Festen, Tänzen und künstlerischen Darstellungen weiter – als Erinnerung daran, dass selbst die Sonne sich verstecken kann, und dass es oft Neugier, Gemeinschaft und ein wenig Übermut braucht, sie wieder zum Vorschein zu bringen.