Japan – Herr des Donners, Hüter des Landes

Lange bevor Kyoto zur Kaiserstadt wurde, als die Ebenen noch still waren und die Berge als Wohnorte der Götter galten, lebte am klaren Wasser des Kamo-Flusses eine Frau von edler Herkunft: Tamayorihime-no-Mikoto. Sie war bekannt für ihre Reinheit, ihre spirituelle Kraft und ihre Nähe zu den Kami.

Eines Tages, als der Fluss nach einem Regen angeschwollen war und die Luft von einer seltsamen Spannung erfüllt schien, entdeckte sie etwas Ungewöhnliches, das auf dem Wasser trieb:
Einen leuchtenden Pfeil, glatt und unversehrt, als wäre er nicht von Menschenhand gemacht.

Von einer inneren Stimme geleitet nahm sie den Pfeil an sich und brachte ihn in ihr Haus. Doch was danach geschah, überstieg jedes menschliche Verständnis:
Tamayorihime wurde schwanger – nicht durch einen Mann, sondern durch göttliche Kraft. Der Pfeil selbst war die Manifestation eines Kami.

Als das Kind geboren wurde, zeigte sich schnell, dass es kein gewöhnlicher Knabe war. Schon früh umgab ihn eine Aura von Macht und Würde. Und als er heranwuchs, offenbarte sich seine wahre Natur.

Eines Tages versammelte sich der Clan zu einem großen Fest. Der Junge trat vor die Versammelten, und in dem Moment, als Donner grollte und Blitze den Himmel zerrissen, stieg er empor, getragen von Sturm und Licht.
Er offenbarte sich als Kamo Wakeikazuchi-no-Okami
der Gott des Donners, des Blitzes und der lebendigen Kraft des Himmels.

Doch er verließ die Welt der Menschen nicht endgültig.

Stattdessen stieg er herab auf den heiligen Berg Kōyama, nördlich des heutigen Kyoto. Dort verband er sich mit dem Land selbst. Der Berg wurde zu seinem Sitz, der Himmel zu seiner Stimme, der Donner zu seinem Zeichen.

Die Menschen errichteten ihm einen Schrein – den Kamigamo-Jinja – nicht als Haus aus Stein allein, sondern als Grenze zwischen Welt und Göttlichkeit. Man glaubte, dass jedes Donnergrollen seine Gegenwart ankündigte und jeder Blitz seine reinigende Kraft trug.

Im Laufe der Jahrhunderte erzählten sich die Menschen, dass Regen, Sturm und Fruchtbarkeit unter seinem Schutz standen. Manche flüsterten sogar, dass sich seine Macht manchmal in der Gestalt eines unsichtbaren Himmelsdrachen zeige – nicht als Tier, sondern als lebendige Energie, die durch Wolken und Himmel fährt.

So wurde Kamo Wakeikazuchi-no-Okami nicht nur als Donnergott verehrt,
sondern als Hüter des Gleichgewichts zwischen Himmel, Erde und Mensch.

Und noch heute, wenn über Kyoto ein Sommergewitter aufzieht und der Donner zwischen den Bergen widerhallt, sagen manche leise:

„Der Kami ist wach.“

Was sind Kami?

Kami sind keine Götter im westlichen Sinne.
Sie sind Gegenwart.

Kami sind die Kräfte, die man spürt, bevor man sie versteht:
das Grollen des Donners über den Bergen,
der Nebel, der morgens über einem Fluss liegt,
das plötzliche Schweigen des Waldes.

Sie wohnen nicht fern im Himmel, sondern im Hier und Jetzt
in alten Bäumen, in Felsen, in Wasserläufen, im Wind, im Feuer, im Blitz.
Manche Kami sind sanft und nährend, andere wild und furchteinflößend,
doch alle sind Ausdruck derselben lebendigen Welt.

Ein Kami kann ein Berg sein –
oder der Geist, der durch ihn atmet.
Er kann ein Ahne sein –
oder der Wille, der eine Familie über Generationen schützt.

Kami besitzen keine feste Gestalt.
Manchmal zeigen sie sich als Licht, als Traum, als Zeichen am Himmel.
Manchmal sprechen sie durch Sturm, Regen oder Stille.
Und oft bleiben sie unsichtbar, obwohl man ihre Nähe spürt.

Sie verlangen keine Unterwerfung, sondern Achtsamkeit.
Keinen blinden Glauben, sondern Respekt.

Wenn Menschen Opfer darbringen, Gebete sprechen oder einen Schrein errichten, dann nicht, um einen Kami zu beherrschen, sondern um einen Ort zu schaffen, an dem sich die Welt der Menschen und die Welt der Kami berühren.

So ist auch Kamo Wakeikazuchi-no-Okami ein Kami:
nicht nur der Donner selbst, sondern die Kraft, die Himmel und Erde verbindet,
die Regen bringt, Leben schützt und den Menschen daran erinnert, dass sie Teil eines größeren Ganzen sind.

Ein paar Bilder von dieser
magischen Ort
Kamigamo Jinja Schrein
(上賀茂神社)