Man sagt, dass es Tage gibt, an denen Kyoto ganz still wird.
Nicht leer.
Nur aufmerksam.
An einem solchen Tag saßen die Mönche von Kennin-ji im Hatto und hörten zu.
Nicht einem Lehrer – sondern der Stille zwischen zwei Atemzügen.
Niemand bemerkte zuerst, dass sich etwas über ihnen bewegte.
Schon lange davor, lange bevor der Tempel gebaut wurde, lebten zwei Drachen in den Wolken über diesem Ort.
Der erste Drache war unruhig.
Er liebte Bewegung, Wind, Veränderung.
Er zog durch Regen, folgte Flüssen, tauchte in Täler und stieg wieder auf.
Er glaubte:
Alles lebt nur, weil es sich verändert.
Der zweite Drache war still.
Er bewegte sich kaum.
Er beobachtete.
Er lauschte dem Regen, bevor er fiel, und wusste, wann der Wind kommen würde, noch bevor er spürbar war.
Er glaubte:
Alles lebt nur, weil es im Innersten still ist.
Sie waren keine Feinde.
Aber sie waren auch keine Freunde.
Sie kreisten umeinander – Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Nicht aus Wut.
Aus Unverständnis.
Als der Tempel errichtet wurde, kamen Menschen.
Sie beteten.
Sie meditierten.
Sie suchten.
Und eines Tages hörten beide Drachen dieselben Worte.
Ein Mönch sprach leise, fast beiläufig:
„Form ist Leere.
Leere ist Form.“
Der bewegte Drache hielt inne.
Der stille Drache öffnete die Augen.
Zum ersten Mal verstanden sie, dass keiner von ihnen falsch lag.
Und dass keiner allein vollständig war.
Bewegung ohne Stille war rastlos.
Stille ohne Bewegung war tot.
Die Drachen entschieden sich, zu bleiben.
Nicht auf der Erde – denn dort wären sie angebetet worden.
Nicht im Himmel – denn dort hätten sie sich verloren.
Sie blieben dazwischen.
Als die Halle vollendet war, senkten sie sich herab, legten sich in den Raum zwischen Dach und Gebet, und nahmen Gestalt an – nicht als Körper, sondern als Idee.
Seitdem kreisen sie dort.
Nicht um zu kämpfen.
Nicht um zu siegen.
Sondern um zu erinnern.
Wer den Raum betritt und nur nach vorne schaut, sieht nichts.
Wer eilig ist, sieht nichts.
Wer sucht, um zu finden, sieht nichts.
Aber wer stehen bleibt.
Wer den Kopf hebt.
Wer nichts erwartet –
der sieht zwei Drachen, die sich bewegen, obwohl sie still sind.
Und still sind, obwohl sie sich bewegen.
Man sagt:
Solange jemand unter ihnen sitzt und wirklich zuhört,
hören auch die Drachen weiter zu.
Und wenn du den Raum verlässt und das Gefühl hast,
dass dein Atem ruhiger ist als zuvor,
dann weißt du:
Sie haben dich gesehen.
Kennin-ji und die Zwillingsdrachen
Zen, Raum und Bedeutung
Der Tempel Kennin-ji (建仁寺) entstand zu Beginn des 13. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der sich Japan politisch und geistig stark veränderte. Im Jahr 1202 gründete der Mönch Eisai diesen Tempel in Kyoto, nachdem er aus China zurückgekehrt war. Dort hatte er den Rinzai-Zen studiert – eine Form des Buddhismus, die Klarheit, Disziplin und unmittelbare Erfahrung betont. Mit dem Kennin-ji brachte Eisai diese Lehre erstmals dauerhaft nach Kyoto. Der Tempel wurde damit zum Ausgangspunkt der späteren Zen-Kultur der Stadt.
Schon früh war Kennin-ji kein Ort für prachtvolle Rituale, sondern ein Raum für Übung. Die Architektur ist bewusst schlicht gehalten, die Gebäude offen und zurückhaltend. Leere Flächen gehören hier zum Konzept. Sie sollen den Geist nicht beschäftigen, sondern ihm Raum geben. Diese Haltung prägt den Tempel bis heute und bildet den Hintergrund für alles, was sich in ihm befindet – auch für die Drachen.
Die berühmten Zwillingsdrachen, auf Japanisch 双龍図 (Soryu-zu), befinden sich in der Dharma-Halle, dem zentralen Raum für Lehre und Zeremonien. Das heutige Bild entstand 2002, also erstaunlich spät, gemalt vom Künstler Koizumi Junsaku anlässlich des 800-jährigen Bestehens des Tempels. Obwohl modern, fügt sich das Werk vollkommen in die jahrhundertealte Zen-Tradition ein.
Die Drachen besitzen keine Namen. Sie sind keine individuellen Figuren mit eigener Biografie, sondern Verkörperungen von Prinzipien. Sie bewegen sich in einem offenen Kreis durch Wolken, ohne einander zu berühren. Es gibt keinen Kampf, keinen Sieger, keine Hierarchie. Diese Darstellung greift einen zentralen Gedanken des Zen auf: Gegensätze sind nicht dazu da, überwunden zu werden, sondern gemeinsam zu bestehen. Bewegung und Stille, Denken und Leere, Form und Auflösung – all das ist im Bild zugleich präsent.
In der ostasiatischen Kultur stehen Drachen seit jeher für Wasser, Regen und Lebenskraft. Im Buddhismus kommen weitere Bedeutungen hinzu. Der Drache gilt als Wesen der Erkenntnis, als Symbol geistiger Energie. Im Zen wird er oft als Prüfer verstanden. Er prüft nicht durch Fragen oder Drohungen, sondern durch Wahrnehmung. Wer den Raum betritt und achtlos hindurchgeht, sieht nur eine Halle. Wer innehält, den Blick hebt und die Bewegung im Stillstand erkennt, begegnet dem Drachen auf seiner eigentlichen Ebene.
Dass sich die Drachen an der Decke befinden, ist dabei entscheidend. Sie sind weder Teil eines Altars noch Objekt der Verehrung. Man muss aktiv nach oben schauen, um sie wahrzunehmen. Ihr Aufenthaltsort ist der Zwischenraum – zwischen Boden und Dach, zwischen Himmel und Erde. Damit spiegeln sie genau das, was Zen meint: Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment.
Der Kennin-ji selbst folgt demselben Prinzip. Über die Jahrhunderte war er Ausbildungsstätte für zahlreiche bedeutende Mönche und ein Zentrum für Zen-Kunst. Aus seinem Umfeld entwickelten sich Tuschemalerei, Kalligraphie und Gartengestaltung weiter. Der Tempel war nie spektakulär im äußeren Sinn, aber ein Ort großer geistiger Wirkung.
So erzählen Tempel und Drachen gemeinsam eine zusammenhängende Geschichte. Der Kennin-ji bietet den Raum, die Zwillingsdrachen geben ihm ein Bild. Beide verweisen auf dieselbe Einsicht: Zen ist kein Ziel und keine Erklärung. Es ist eine Haltung – still, wach und offen für das Gleichgewicht der Dinge.
Ein paar Bilder von diesem
magischen Ort
Kennin-ji Tempel (建仁寺)














