Japan – Gut zu Wissen – Zwischen Kami und Erleuchtung – das heilige Pferd

Seit frühester Zeit gelten Pferde in Japan als außergewöhnlich reine und kraftvolle Wesen. Ihre Schnelligkeit, Stärke und Sensibilität ließen sie als Tiere erscheinen, die zwischen der Welt der Menschen und der Götter vermitteln können. Man glaubte, dass Pferde Gebete schneller zu den himmlischen Mächten tragen als jedes andere Lebewesen. Besonders weiße Pferde galten als Zeichen göttlicher Reinheit und wurden mit Regen, Fruchtbarkeit und Schutz in Verbindung gebracht. Dass dem Pferd in diesem Jahr eine besondere Bedeutung zukommt, verstärkt diese alte Symbolik: Es ist ein Jahr, das mit Bewegung, Aufbruch, Energie und innerer Kraft verbunden wird – Eigenschaften, die dem Pferd seit Jahrhunderten zugeschrieben werden.

Shinto-Schrein

In den Shinto-Schreinen ist die Heiligkeit des Pferdes am deutlichsten sichtbar. Im Shintō versteht man Pferde als Boten der Kami, der göttlichen Wesen, die Natur, Orte und Kräfte verkörpern. Schon in der Frühzeit Japans wurden lebende Pferde den Schreinen gestiftet, um die Gunst der Kami zu erbitten – etwa für Regen, reiche Ernten oder Schutz vor Unheil. Da sich dies mit der Zeit als zu kostspielig erwies, ersetzte man die lebenden Tiere durch symbolische Darstellungen. Daraus entstanden die bis heute allgegenwärtigen Ema, hölzerne Wunschtafeln, auf denen ursprünglich Pferde gemalt waren. Noch heute erinnern Pferdestatuen, Reliefs und Abbildungen in vielen Schreinen an diese Tradition. Das Pferd steht hier nicht nur für Stärke, sondern für die direkte Verbindung zum Göttlichen. Besonders im Jahr des Pferdes wird diese Rolle betont: Schreine schmücken sich mit speziellen Ema, Amuletten und Darstellungen, die die schützende und glückbringende Kraft des Pferdes hervorheben.

Buddhistischen Tempel

In buddhistischen Tempeln begegnet man dem Pferd seltener und in einer anderen Bedeutungsebene. Der Buddhismus betrachtet Tiere weniger als göttliche Boten, sondern als Sinnbilder innerer Zustände und geistiger Kräfte. Das Pferd steht hier vor allem für Energie, Ausdauer und die Fähigkeit, den Weg der Erkenntnis voranzuschreiten. In Lehrgleichnissen wird der menschliche Geist manchmal mit einem Pferd verglichen, das gezügelt und geführt werden muss, um den richtigen Pfad zu finden. In Kunstwerken oder Tempelmalereien erscheint das Pferd gelegentlich als Begleittier von Schutzgottheiten oder als Teil symbolischer Darstellungen, doch es nimmt keine zentrale kultische Rolle ein. Anders als im Shintō gibt es keine festen Rituale oder Opfergaben, die dem Pferd gewidmet sind. Seine Präsenz bleibt still, lehrhaft und sinnbildlich – ein Ausdruck innerer Bewegung statt äußerer Verehrung.

So zeigt sich das Pferd in Japan auf zwei Ebenen: Im Shintō als heiliger Mittler zwischen Mensch und Gott, im Buddhismus als Symbol für geistige Kraft und den Weg der Erkenntnis. Gerade in einem Jahr, das dem Pferd gewidmet ist, verbinden sich diese Bedeutungen zu einem Bild von Dynamik, Reinheit und dem Mut, voranzugehen.

Das Pferd im Jahresrhythmus Japans

In Japan werden Pferde nicht zufällig zu bestimmten Zeiten hervorgehoben, sondern bewusst in den Rhythmus des Jahres eingebunden. Der Grund dafür liegt in ihrem traditionellen Bedeutungsgehalt: Das Pferd gilt als Träger von Bewegung, Lebenskraft und Übergang. Es verkörpert Dynamik und die Fähigkeit, Grenzen zu überwinden – zwischen Orten, Zuständen und sogar zwischen der Welt der Menschen und der göttlichen Sphäre. Zeit wird im japanischen Denken nicht nur als Abfolge von Monaten verstanden, sondern als ein Gefüge von Momenten, in denen bestimmte Kräfte besonders wirksam sind. Das Pferd erscheint genau dann, wenn diese Kräfte angesprochen oder verstärkt werden sollen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Jahr des Pferdes im ostasiatischen Tierkreis, das alle zwölf Jahre wiederkehrt. In diesem Jahr wird dem Pferd eine besondere Präsenz zugeschrieben, da es symbolisch die Energie des gesamten Jahres trägt. Eigenschaften wie Mut, Unabhängigkeit, Vorwärtsdrang und Tatkraft werden dem Zeitabschnitt selbst eingeschrieben. Vor allem in Shintō-Schreinen wird das sichtbar: Wunschtafeln, Amulette und Darstellungen greifen das Motiv des Pferdes verstärkt auf, um diese Qualitäten bewusst in das neue Jahr hineinzutragen. Das Tier fungiert hier als Jahresbote, der die geistige Grundstimmung prägt.

Unabhängig vom Tierkreis ist auch der Jahreswechsel ein wichtiger Zeitpunkt. Zum Neujahr, dem bedeutendsten spirituellen Übergang in Japan, taucht das Pferd häufig in symbolischer Form auf. Es steht für einen guten, kraftvollen Beginn und für die Hoffnung, dass Gebete schnell und sicher ihren Weg zu den Kami finden. Der Gedanke dahinter ist alt: Pferde galten als Wesen, die Botschaften besonders rasch übermitteln können. Gerade zu Beginn eines neuen Zyklus wird diese Vorstellung als unterstützende Kraft verstanden.

Auch im landwirtschaftlich geprägten Jahreslauf hatte das Pferd seinen festen Platz. Vor allem im Frühjahr und Frühsommer, wenn Wachstum einsetzt und Regen benötigt wird, wurde das Pferd verehrt oder symbolisch dargebracht. In dieser Zeit bat man die Gottheiten um Fruchtbarkeit, Schutz und ein gutes Gedeihen der Felder. Das Pferd verband hier menschliche Arbeit, Naturkräfte und göttliche Ordnung miteinander. Es wurde zum Sinnbild der Bewegung, die das Leben wieder in Gang setzt.

Bei bestimmten Schrein-Festen, den Matsuri, erscheint das Pferd ebenfalls zeitlich gebunden. Ob in Form von Statuen, Darstellungen oder rituellen Symbolen – es steht dann für die Ankunft oder das Wirksamwerden der Gottheit. Die göttliche Kraft wird nicht als statisch verstanden, sondern als etwas, das sich bewegt und manifestiert. Das Pferd macht diese Bewegung sichtbar.

Im buddhistischen Kontext ist diese zeitliche Bindung weniger ausgeprägt. Dort erscheint das Pferd nicht als Jahreswesen, sondern als zeitloses Symbol für innere Energie, Disziplin und den Weg des Geistes. Während der Shintō das Pferd fest in den Jahresrhythmus einbettet, bleibt es im Buddhismus eher ein Sinnbild, das unabhängig von Kalender und Saison verstanden wird.

So wird das Pferd in Japan immer dann „in die Zeit genommen“, wenn Wandel, Neubeginn oder Wachstum im Mittelpunkt stehen. Es markiert Übergänge und erinnert daran, dass Bewegung – im Jahreslauf wie im Inneren des Menschen – eine heilige Kraft sein kann.