Ein schrilles Heulen durchschnitt die Luft. Ich stand in einem kleinen Geschäft und spürte, wie mein Herzschlag für einen Moment aussetzte. Feueralarm.
Unwillkürlich schaute ich mich um, doch niemand reagierte. Die Menschen schoben Einkaufswagen, plauderten, bezahlten an der Kasse. Alles lief weiter, als hätte nur ich den Alarm gehört. Nach einigen Minuten verstummte das Signal. Erleichtert atmete ich auf – und gleichzeitig wurde in mir eine Erinnerung wachgerufen, so lebendig, als wäre es gestern gewesen.
Auckland, Anfang der 1990er-Jahre.
Ich hatte ein Internetcafé betreten, um in Ruhe mein Reisetagebuch zu schreiben. Schon am Nachmittag setzte ich mich an einen der schweren Computer, deren Bildschirme bläulich flackerten. Ich tippte Seite um Seite, verlor mich in Erinnerungen und Gedanken, während draußen die Sonne sank und die Nacht über die Stadt hereinbrach. Der Raum roch nach Kaffee, Staub und Kabeln, erfüllt vom Surren der Rechner und dem Klappern der Tastaturen.
Es war Mitternacht, als plötzlich ein leises, gleichmäßiges Piepen den Raum erfüllte. Der Feueralarm. Ich hob den Kopf. Doch niemand reagierte. Neben mir spielte jemand ein Computerspiel, im hinteren Eck chattete ein Student mit Freunden, und der Besitzer saß gelangweilt an der Kasse. Kein Aufschrei, kein Innehalten. Das Geräusch wurde zu einem Teil der Geräuschkulisse – wie das Summen der Neonröhren. Und auch ich, zunächst unruhig, tippte weiter.
Doch dann brach von draußen eine neue Lautstärke herein: Sirenen. Sie wurden lauter, dichter, bis schließlich Feuerwehrfahrzeuge vor dem Gebäude zum Stehen kamen. Türen klappten, Schritte hasteten, und im nächsten Moment stürmten Männer in voller Montur ins Café. Ihre Helme glänzten, ihre Lampen blitzten, und ihre Stimmen hallten durch den Raum:
„Alle sofort raus hier! Los, los!“
Wir blickten erschrocken auf. Stühle scharrten, Tastaturen verstummten. Einige Feuerwehrleute schimpften, wie leichtsinnig wir gewesen seien, den Alarm zu ignorieren. Mit Nachdruck trieben sie uns hinaus in die Nacht.
Draußen umfing uns die Kälte. Blaulichter warfen unstete Schatten über die Straße, das Summen der Motoren mischte sich mit dem Stimmengewirr. Eine bunte Gruppe von Nachtschwärmern stand nun unsicher beisammen: Reisende, Studenten, Spieler – alle fröstelnd und schweigend. Hinter uns suchten die Einsatzkräfte das Gebäude ab. Minuten dehnten sich zu einer Stunde.
Dann die Entwarnung. Kein Feuer, nur ein Fehlalarm. Die Feuerwehr packte zusammen und verschwand wieder in die Dunkelheit.
Wir jedoch kehrten zurück ins Internetcafé. Als hätten wir kollektiv einen Bann gebrochen, setzten wir uns an unsere Plätze, schalteten die Bildschirme wieder auf, und die Tasten klapperten erneut. Ich schrieb weiter, fast trotzig, bis die ersten Strahlen der Morgensonne den Himmel verfärbten.
Erst um sechs Uhr morgens, erschöpft und übernächtigt, verließ ich das Café. Die Straßen Aucklands waren still, die Stadt schlief. Ich machte mich auf den Weg zurück in meine Unterkunft, wissend, dass ich dieses Erlebnis nie vergessen würde – das eigenartige Gleichgewicht zwischen Gleichgültigkeit und Gefahr, das mir erst viel später wirklich bewusst wurde.