Oni sind in der japanischen Mythologie und Volksreligion dämonische Wesen, die seit Jahrhunderten in Legenden, religiösen Vorstellungen und der traditionellen Kunst Japans vorkommen. Historisch erscheinen sie bereits in frühen japanischen Chroniken und religiösen Texten, insbesondere in der Heian-Zeit (794–1185), als symbolische Verkörperungen von Chaos, Unglück und moralischem Fehlverhalten. Ihre Darstellung wurde stark durch Einflüsse aus dem Buddhism und der einheimischen Shinto-Tradition geprägt.
In der klassischen Ikonographie werden Oni als große, furchterregende Wesen mit übermenschlicher Stärke beschrieben. Typische Merkmale sind eine kräftige, oft muskulöse Gestalt, eine ungewöhnliche Hautfarbe – häufig rot, blau oder grün –, sowie ein oder mehrere Hörner auf dem Kopf. Sie besitzen lange, scharfe Zähne oder Stoßzähne, wilde Haare und tragen häufig nur ein Lendentuch aus Tierfell. Als Waffe wird ihnen häufig eine schwere Eisenkeule zugeschrieben, die in Japan Kanabō genannt wird. Dieses Bild führte auch zu der bekannten Redewendung „Oni mit einer Eisenkeule“, die jemanden beschreibt, der ohnehin stark ist und zusätzlich noch mehr Macht erhält.
In der religiösen Vorstellung haben Oni verschiedene Funktionen. In buddhistischen Konzepten werden sie häufig als Wächter oder Folterer der Hölle dargestellt. Besonders im buddhistischen Jenseitsbild des Jigoku übernehmen Oni die Rolle von Strafvollstreckern, die Sünder für ihre Taten bestrafen. Gleichzeitig erscheinen sie in Volkslegenden oft als zerstörerische Dämonen, die Krankheiten, Katastrophen oder moralische Verderbtheit symbolisieren.
Historisch entwickelte sich die Figur des Oni vermutlich aus einer Kombination verschiedener kultureller Einflüsse. Zum einen gab es in China bereits ähnliche Dämonenvorstellungen, die über den Buddhismus nach Japan gelangten. Zum anderen verbanden sich diese Ideen mit älteren japanischen Geistervorstellungen aus der Volksreligion. Dadurch entstand ein vielschichtiges Bild des Oni, das sowohl religiöse als auch moralische Bedeutungen trägt.
Im Laufe der Zeit wurden Oni auch Teil zahlreicher Geschichten und literarischer Werke. In der klassischen japanischen Literatur treten sie häufig als Gegner von Helden oder als Prüfungen für Menschen auf. Eine der bekanntesten Figuren, die gegen Oni kämpft, ist der legendäre Held Momotarō, der laut Volksmärchen mit Gefährten eine Insel von Oni befreit.
Trotz ihres furchterregenden Erscheinungsbildes haben Oni in der japanischen Kultur nicht ausschließlich eine negative Bedeutung. In manchen regionalen Traditionen können sie auch als Schutzfiguren auftreten oder symbolisch dazu dienen, böse Einflüsse zu vertreiben. Besonders sichtbar wird dies beim traditionellen Frühlingsritual Setsubun, bei dem Menschen geröstete Sojabohnen werfen und dabei rufen: „Oni wa soto, fuku wa uchi!“ („Dämonen hinaus, Glück herein!“). Dieses Ritual soll symbolisch Unglück vertreiben und Glück ins Haus bringen.
Heute gehören Oni zu den bekanntesten Figuren der japanischen Folklore. Sie erscheinen weiterhin in Theaterformen wie Nō und Kabuki, in religiösen Festen, in der Popkultur sowie in moderner Literatur, Manga und Film. Ihre Darstellung hat sich im Laufe der Zeit verändert, doch ihre zentrale Rolle als kraftvolle Symbolfiguren für Chaos, Strafe, Gefahr und manchmal auch Schutz ist bis heute erhalten geblieben.