Ich war schon viele Tage im wunderschönen Nationalpark „Walls of Jerusalem“ in Tasmanien (Australien). Dort gibt es hohe Berge, glitzernde Seen und Wiesen, auf denen die Blumen duften, als hätten sie extra für mich geblüht. Das Wetter war bisher so angenehm, dass ich mich fast wie im Urlaub bei Oma fühlte – nur mit mehr Bergen und weniger Kuchen.
Doch eines Morgens wachte ich auf, und etwas war anders.
Ein komisches, graues Licht drang durch die Zeltwand, als hätte jemand das Sonnenlicht durch eine alte Socke gefiltert. Es war kalt – so kalt, dass selbst mein Nacken fröstelte. Ich öffnete den Reißverschluss vom Zelt, steckte den Kopf hinaus – und bekam einen kleinen Schreck.
„Nebel!“, flüsterte ich.
Nicht so ein bisschen Nebel wie zu Hause, wenn Mama sagt: „Zieh die Jacke an, es ist feucht draußen.“
Nein. Das war eine Wand aus Grau. Ich konnte vielleicht 20 Meter weit sehen – danach war einfach… nichts.
Also kroch ich wieder ins Zelt, kuschelte mich in meinen Schlafsack und las in meinem Buch. Zwei Stunden lang! Der Nebel hing so still zwischen den Bäumen, als würde er warten, dass ich etwas Dummes tat.
Und dann kam die Idee.
Fotos im Nebel! Das wird sicher magisch!
Ich packte meine Kamera ein, zog mich warm an, steckte noch Kompass und Taschenmesser ein und stapfte los. Der Wald verschluckte jedes Geräusch. Sogar mein eigenes Husten klang, als würde ich unter einer Decke stecken.
Nach einer Stunde stand ich plötzlich vor einer riesigen Felswand, die so dunkel aus dem Nebel ragte, als hätte ein Riese sie dorthin gestellt. Ich beschloss, lieber umzudrehen – aber vorher wollte ich noch mal auf den Kompass schauen.
Der Kompass zeigte eine völlig verrückte Richtung an. „Na toll!“, murmelte ich. „Vielleicht hat er heute Montag.“ Also steckte ich ihn weg und ging nach Gefühl.
Das war ein Fehler.
Eine Stunde später stand ich an einem See, der gar nicht auf meiner Karte war. „Hier gibt’s doch gar keinen See!“, rief ich. Mein Herz klopfte schneller.
Ich blies dreimal in meine Pfeife – ein greller Pfiff.
Nichts. Keine Antwort. Nur das leise „Plopp“ einer Blase, die im See aufstieg.
„Nicht in Panik geraten“, sagte ich zu mir selbst. „Einfach weitergehen.“
Ich folgte einem Fluss, der gemächlich vor sich hinplätscherte. Aber auch er führte mich nicht zurück. Der Kompass log weiterhin – wahrscheinlich wegen irgendeinem komischen Metall im Felsen.
Also versuchte ich eine neue Idee: fünfmal an verschiedenen Stellen auf den Kompass schauen und die Richtung nehmen, die am häufigsten „Norden“ war. Ich stapfte los, kletterte über rutschige Steine, zog mich an Baumstämmen hoch – und irgendwann musste ich lachen, weil ich aussah wie ein tapsiger Bär, der einen Berg hoch will.
Dann – endlich! – begann der Nebel zu reißen. Sonnenstrahlen fielen wie goldene Bänder durch die Bäume. Und da war er: der Gipfel des Berges Moriah. Ich kannte ihn!
„Ja!“, rief ich laut.
Eine Stunde später stand ich wieder vor meinem Zelt. Ich war fünf Stunden unterwegs gewesen. Fünf Stunden in einer Welt ohne Horizont.
Am Nachmittag erzählte ich den Arbeitern, die gerade eine alte Wanderhütte reparierten, meine gruselige Nebelgeschichte. Sie lachten nur und sagten: „Ach, hier verirren sich ständig Leute!“ Das machte mich ein bisschen stolz – und ein bisschen beruhigt.
Abends kamen noch andere Wanderer. Sie lachten über die kleine Steinmauer, die ich um mein Zelt gebaut hatte („gegen wilde Schafe und schüchterne Kängurus“). Wir plauderten, bis es dunkel wurde.
Als ich mich schließlich in meinen warmen Schlafsack kuschelte, hörte ich den leisen Wind und dachte: Zu Hause ist, wo man sich sicher fühlt – auch mitten in Tasmanien.
Bild bei grandiosem Wetter mit der berühmten „Mauer“ im Walls of Jerusalem Nationalpark
