Mit einem Backpacker-Anbieter erfüllte ich mir den Traum, den Osten der Nordinsel Neuseelands zu bereisen. Dort lockten unberührte Natur, wilde Küsten, das East Cape – der östlichste Punkt des Landes – und die Siedlungsgebiete der Māori.
Die Reise erfolgte mit einem kleinen Bus, voll bis auf den letzten Platz. Unser Fahrer übernahm nicht nur das Steuer, sondern organisierte auch den gesamten Ablauf – eine anspruchsvolle Aufgabe.
Schon der erste Stopp versprach ein Highlight: Napier. Die Stadt war berühmt für ihre prachtvollen Art-déco-Gebäude, die nach einem verheerenden Erdbeben in den 1930er-Jahren entstanden waren. Tragisch im Ursprung, faszinierend im Ergebnis. Ich freute mich riesig darauf, dieses architektonische Juwel zu sehen.
Der Fahrer erklärte auf Englisch, wann wir uns wieder am Bus treffen sollten. Ich hörte: „A quarter past twelve.“ Viertel nach zwölf – wunderbar! So blieben mir rund dreißig Minuten für einen Spaziergang. Begeistert schlenderte ich durch die Straßen, bewunderte die verspielten Fassaden und genoss die Atmosphäre. Pünktlichkeit war mir wichtig, also machte ich mich rechtzeitig auf den Rückweg, um noch ein paar Minuten vor Abfahrt wieder am Bus zu sein.
Doch schon auf dem Weg zum Parkplatz stutzte ich. Kein Bus in Sicht. Als ich schließlich dort ankam, traf mich der Schock: Er war verschwunden. In meinem Inneren brach Panik los. Im Bus lag mein gesamtes Gepäck – und ohne ihn war meine Reise abrupt beendet. Ratlosigkeit und Angst wirbelten in meinem Kopf durcheinander.
Wie in Trance ging ich in die Touristeninformation, die glücklicherweise direkt neben dem Parkplatz lag. Ich sprach eine Mitarbeiterin an, schilderte hastig mein Missgeschick und nannte den Anbieter, mit dem ich unterwegs war. Sie griff sofort zum Telefon. Die Firma konnte den Fahrer zunächst nicht erreichen, verriet uns aber das Tagesziel: Gisborne. Dort, so hieß es, würde der Fahrer mit ihnen Kontakt aufnehmen.
Wir überlegten fieberhaft, wie ich Gisborne noch am selben Tag erreichen könnte. Mir fiel ein, dass ich vor Jahren schon einmal mit einem Linienbus dorthin gefahren war. Leider fuhren diese nur einmal täglich. Doch ich hatte unglaubliches Glück: An diesem Tag gab es ausnahmsweise eine zusätzliche Verbindung. Und wieder Glück – der allerletzte Platz im Bus war noch frei. Ich schnappte mir das Ticket.
Nun stand der Plan: Ich würde nach Gisborne fahren, mich auf einem Campingplatz einmieten und am nächsten Morgen vom Reisebus dort wieder eingesammelt werden.
Die Erleichterung war riesig, doch die Anspannung blieb. Während der fünfstündigen Fahrt nach Gisborne starrte ich aus dem Fenster, unfähig, die Landschaft wirklich zu genießen. Zu sehr nagte die Unsicherheit an mir.
In Gisborne angekommen, suchte ich den Campingplatz auf und mietete eine kleine Kabine. Ohne Rucksack fehlte mir alles – ich musste mich mit dem Nötigsten eindecken. Das Wetter spielte verrückt: Wind, Regen, dann wieder strahlende Sonne. Es verlieh der Stadt und der Küste ein dramatisches, fast filmreifes Gesicht.
Überall, wo ich erzählte, was geschehen war, reagierten die Menschen fassungslos. Und noch mehr: Viele gaben mir spontan, was ich brauchte kostenlos – Essen, Getränke, Kleinigkeiten. Diese Hilfsbereitschaft überwältigte mich. Schon auf früheren Reisen hatte ich die Freundlichkeit der Neuseeländer erlebt, doch diesmal war sie fast unglaublich.
Die Nacht in meiner Kabine verlief erstaunlich ruhig. Trotz aller Widrigkeiten schlief ich gut. Am nächsten Morgen rollte tatsächlich der Reisebus auf den Campingplatz. Erleichterung pur – ich war wieder dabei.
Natürlich wollte ich wissen, wie es zu diesem Desaster gekommen war. Da stellte sich heraus: Der Fahrer hatte „A quarter to twelve“ gesagt – viertel vor zwölf. Ich jedoch hatte „A quarter past twelve“ verstanden – viertel nach zwölf. Ein winziger Hörfehler, der mich fast die ganze Reise gekostet hätte. Warum der Fahrer mein Fehlen nicht bemerkt hatte, blieb unklar. Vielleicht, weil die Tour gerade erst begonnen hatte und er die Mitreisenden noch nicht kannte.
Doch ich machte ihm keinen Vorwurf. Mein Missverständnis war eindeutig der größere Fehler.
Am Ende konnte ich die Reise fortsetzen – und sie wurde zu einer der schönsten, die ich je erlebt habe. Die Tage, die folgten, blieben mir unvergesslich, voller Abenteuer und Freude. Und doch werde ich den Moment nie vergessen, als ein einziges kleines Missverständnis alles beinahe zunichte gemacht hätte.
