Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Urlaub machen. Ein paar Tage in Norwegen, den hohen Berg Snøhetta besteigen und den Herbst in den Bergen genießen. Der Herbst hier ist wie ein riesiger Malkasten: Das Moos leuchtet in tiefem Grün, die Sträucher in Rot und Orange, und die Birkenblätter funkeln wie kleine Goldstücke. Bei jedem Schritt blieb ich stehen, um zu staunen – so schön war es.
Die Tage im Nationalpark waren still und friedlich. Meist hörte ich nur das Rauschen kleiner Bäche und den Wind, der an den Felsen sang. Auf dem Gipfel des Snøhetta war es eiskalt, der Wind zerrte an meiner Jacke, aber die Aussicht war so atemberaubend, dass ich fast vergaß zu frieren. Von dort oben konnte ich kilometerweit schauen – und ich hatte das Gefühl, der König der Berge zu sein.
Am letzten Abend im Park traf ich einen Mann, der aussah, als wäre er aus der Wildnis geschnitzt: wettergegerbtes Gesicht, grüne Jacke, Gewehr über der Schulter. Ein Elchjäger. Er erzählte mir, wie schwer es sei, ein erlegtes Tier aus dem Park zu tragen. Alles muss im Rucksack transportiert werden, manchmal stundenlang, und oft muss er den Weg mehrmals laufen. Ich staunte – so ein Leben war voller Anstrengung, aber auch voller Abenteuer.
Als ich ihm von meiner geplanten Heimroute erzählte, grinste er. „Da gibt es eine Abkürzung. Spart dir einen halben Tag.“
„Und wo lang?“ fragte ich neugierig.
„Durch ein Gebiet der norwegischen Armee. Ist nicht schlimm – gehen alle so.“
Ich zögerte kurz. Militärgebiet? Das klang nicht gerade nach einem gemütlichen Spaziergang. Aber der Jäger wirkte so sicher, dass ich zustimmte. Was soll schon passieren? dachte ich.
Am nächsten Morgen schnürte ich meine Stiefel und machte mich auf den Weg. Es war nicht so still wie sonst. Irgendwo weit weg dröhnten Maschinen. Ich konnte nicht sehen, was es war, und beschloss, es zu ignorieren. Der Weg führte mich bald zu großen Schildern: Achtung! Militärisches Übungsgebiet. Betreten verboten. Ich erinnerte mich an die Worte des Jägers – und ging weiter.
Der Boden wurde matschig. Bei jedem zweiten Schritt sanken meine Stiefel bis zu den Knöcheln ein. Schlurp, plopp, schlurp! machte es bei jedem Schritt. Ich kämpfte mich trotzdem vorwärts. Der Gedanke an die Zeitersparnis trieb mich an.
Und dann hörte ich es: ein tiefes, grollendes Brummen, das immer lauter wurde. Ich blickte nach oben.
WROOOOOOM!
Ein Düsenjet raste so tief über meinen Kopf hinweg, dass ich instinktiv in die Hocke ging. Meine Mütze flog fast davon, und mein Herz hämmerte wie verrückt. Ich hatte gerade noch den Mund offen, um Luft zu holen, da kam er wieder – noch tiefer!
Dieses Mal öffnete sich eine Klappe am Bauch des Jets. Dunkle Gegenstände fielen heraus. Für einen winzigen Moment dachte ich, es seien Kisten. Dann – BÄÄÄÄÄM! – der Boden bebte unter mir. Noch ein BÄÄÄM! und noch eins! Ich merkte sofort: Das waren keine Kisten. Das waren Bomben!
„Raus hier!“ schoss es mir durch den Kopf. Ich drehte mich um und stapfte so schnell es ging zurück. Aber schnell laufen in knöcheltiefem Morast ist wie rennen in Kaugummi. Hinter mir das Donnern der Jets, vor mir nur endloser Matsch. Wieder und wieder hörte ich WROOOOM! über mir, und jedes Mal folgte ein dumpfes, explosionsartiges Bumm, das mir in den Magen fuhr.
Einmal stolperte ich, fiel fast hin, rappelte mich auf. Weiter, weiter, weiter! Meine Beine brannten, mein Herz schlug bis zum Hals. Endlich kam der Rand des Gebiets in Sicht. Ich rannte, so schnell ich konnte.
Und dann – WUUUUMMMM! – eine gewaltige Schockwelle traf mich, so stark, dass ich fast das Gleichgewicht verlor. Sie kam von einer Explosion, obwohl ich schon hinter einem Hügel war. Mir wurde klar: Wäre ich noch ein Stück weiter hinten gewesen, hätte mich das erwischt.
Ich ließ mich ins Gras fallen, atmete tief und hörte meinem eigenen Herzschlag zu. Er klang wie ein Trommelwirbel. Ich war erschöpft, aber auch unendlich erleichtert.
Langsam setzte ich meinen Weg fort. Plötzlich riss die Wolkendecke auf und die Sonne strahlte auf die Landschaft. Das goldene Licht ließ Moose, Gräser und Bäume leuchten, als wollte die Natur mir sagen:
„Du hast es geschafft. Alles ist gut.“
Und in diesem Moment wusste ich: Dieses Abenteuer werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
