Ich war nun schon etliche Tage im traumhaften Nationalpark „Walls of Jerusalem“ in Tasmanien von Australien und ich hatte angenehme und genussvolle Wettersituation.
Doch an einem Morgen entdeckte ich ein fahles, diffuses Licht und es drang durch die Zeltwand, als ich gegen sieben Uhr erwachte. Die Kälte kroch mir in den Nacken. Ich öffnete den Reißverschluss, steckte den Kopf hinaus – und erstarrte.
Dichter Nebel. So dicht, dass er wie eine Wand vor mir stand. Die Welt endete nach zwanzig, höchstens dreißig Metern. Geräusche wirkten dumpf, wie unter einer schweren Decke.
Ich zog den Kopf zurück, kroch wieder ins Zelt. Ich nahm mein Buch zur Hand, versuchte zu lesen, während der Nebel unbewegt zwischen den Bäumen hing.
Zwei Stunden lang hielt ich so durch. Erst gegen halb zehn kochte ich mir ein Frühstück. Während ich aß, kam mir ein Gedanke, der sich schnell wie eine fixe Idee festsetzte: Eine Stunde raus. Fotos im Nebel. Das wird magisch.
Also packte ich meine Kamera, schob Kompass und Messer in die Tasche, zog mich warm an und trat hinaus in die weiße Welt.
Der Wald schluckte jedes Geräusch. Die Stämme verschwanden wie Schattenrippen im Grau. Auf freien Flächen war der Nebel so dicht, dass er wie ein Vorhang vor mir hing, kaum zwanzig Meter Sicht. Das Licht war stumpf, farblos – als hätte jemand der Welt die Farben entzogen.
Nach einer Stunde erreichte ich das Damascus Vale. Die steile Felswand ragte wie ein drohender Schatten aus dem Nebel. Ich wollte umkehren, zurück zur Hütte, ins sichere Zelt.
Aus Neugier zog ich den Kompass. Die Anzeige war absurd, fast grotesk falsch. Ich lachte nervös, steckte ihn weg, vertraute lieber meinem Instinkt – und schlug einen Weg ein, der sich richtig anfühlte.
Eine Stunde später war nichts mehr richtig. Der Wald hatte sein Gesicht verändert, als hätte er mich in eine andere Welt entlassen. Plötzlich lag ein See vor mir, ein dunkler Spiegel unter der Nebelhaut. Mein Herz schlug schneller. Hier, in dieser Gegend, gab es keinen großen See.
Ich rannte am Ufer entlang, keuchte den Hang hinauf, stolperte an einer Böschung entlang. Die Zeit dehnte sich, der Wald wurde fremder. Das dumpfe Gefühl in meinem Bauch wuchs: Ich hatte mich verlaufen.
Ich nahm die Pfeife, blies dreimal hinein. Der schrille Ton schnitt durch die Stille – und starb einsam im Nebel. Keine Antwort. Kein Knacken, kein Rufen. Nur diese feuchte, erstickende Stille.
Panik wollte aufsteigen, ich drückte sie zurück. Weitergehen. Irgendwo musste ich auf ein Zeichen stoßen. Dann entdeckte ich einen Fluss, der träge von West nach Ost floss, eingebettet in ein Tal mit derselben Ausrichtung. Ich zog die Karte hervor – vergebens. Kein Tal hier passte zu dem, was ich vor mir hatte.
Also zurück zu einer einfachen Logik: Mein Ausgangspunkt lag nördlich. Das wusste ich. Ich nahm den Kompass – und er log mich erneut an. Metall im Gestein. Der Gedanke ließ mir die Haut prickeln.
Ich versuchte es mit einem Trick: Ich stellte mich an fünf verschiedene Stellen, wählte die Richtung, die am häufigsten als Norden erschien – und ging.
Dann die Wand. Ein Hang so steil, dass ich die Hände brauchte. Schweiß brannte in meinen Augen. Oben angekommen wurde es schlimmer: dichter Wald, riesige Felsblöcke, unwegsames Gelände. Ich kletterte, rutschte, schlug mir die Schienbeine an. Schließlich setzte ich mich auf einen kalten Felsblock. Ich atmete schnell. Zum ersten Mal musste ich mir eingestehen: Ich habe echte Probleme.
Der Aufstieg brachte mich nicht weiter. Ich kehrte um, stieg wieder ins Tal. Und dann – ein Wunder: Der Nebel begann zu zerreißen. Licht brach herein, zunächst zaghaft, dann stärker. Mein Herz machte einen Satz.
Doch die Freude hielt nur kurz. Die Berge ringsum waren mir fremd. Kein einziger vertrauter Gipfel.
Also wählte ich eine neue Taktik: Richtungen ausschließen. Immer die unwahrscheinlichste meiden, Schritt für Schritt. Das Tal führte mich aufwärts. Ich watete mehrmals durch einen Bach, das Wasser eiskalt an den Knöcheln. Aber meine Hoffnung wuchs – heute noch zur Hütte zurückzukehren.
Dann, nach einer halben Stunde, trat der Gipfel des Berges Moriah aus den letzten Nebelfetzen. Ich erstarrte – und lächelte. Orientierung zurückgewonnen.
Noch eine Stunde, dann stand ich vor meinem Zelt. Fünf Stunden war ich unterwegs gewesen. Fünf Stunden in einer Welt ohne Horizont.
Den Nachmittag verbrachte ich damit, den Schock zu verdauen. Den Arbeitern, die aktuell hier waren, um das historische Wanderhaus an diesem Ort zu Restaurierung, erzählte ich meine beängstigende Geschichte, und sie lachten nur müde, denn sie erzählten mir, dass in dieser Gegend sich viele Menschen verliefen. Das gab mir mein Selbstvertrauen zurück – zumindest ein Stück. Ich schwor mir, nie wieder bei dichtem Nebel loszugehen.
Der Rest des Tages verstrich im Zelt. Lesen, nachdenken, atmen. Gegen sechs Uhr tauchten weitere Wanderer auf. Sie amüsierten sich über die Steinmauer um mein Zelt, und wir kamen ins Plaudern.
Als die Dunkelheit kam, legte ich mich hin. Warm im Schlafsack, sicher auf der Isomatte, lauschte ich dem leisen Wind – und war dankbar, wieder zu Hause zu sein.
Bild bei grandiosem Wetter mit der berühmten „Mauer“ im Walls of Jerusalem Nationalpark
