Neuseeland – Der Fluss … und ich lebe noch

Der Tag war lang gewesen, der Weg hart, der Abstieg gnadenlos. Meine Beine schmerzten, meine Kleidung klebte feucht am Körper, und der Abend war längst zur Nacht geworden. Nur noch ein Ziel trieb mich voran: die Hütte auf der anderen Flussseite. Ich wusste, dass sie dort lag – irgendwo jenseits des dunklen Wassers, erkennbar an ein paar flackernden Lichtpunkten, die wie ferne Versprechen in der Finsternis hingen.

Der Wanderpfad, dem ich gefolgt war, hatte sich längst verloren. Und die Brücke, die auf der Karte eingezeichnet war, blieb trotz angestrengter Suche verschwunden. Ich irrte durch das Unterholz, folgte dem Flusslauf, tastete mich mit dem Kegel meiner Stirnlampe durch das Gewirr aus Farn und Astwerk. Alles war feucht, rutschig, unübersichtlich. Die Zeit lief. Die Kälte kroch unter die Haut.

Ich stand schließlich am Ufer. Die Brücke: unauffindbar. Der Fluss: breit, träge wirkend, aber nicht tosend. Die Lichter der Hütte auf der anderen Seite: zum Greifen nah. Es schien möglich. Nur ein paar Meter kaltes Wasser. Und ich war vorbereitet. Ich hatte gelesen, was zu beachten war – und gehandelt. Die Riemen meines Rucksacks waren geöffnet. Im Notfall würde ich schnell herauskommen. Ich war nicht naiv. Aber vielleicht war ich trotzdem zu sicher.

Langsam trat ich ins Wasser.
Es war eiskalt.
Kniehoch. Die Strömung stärker als gedacht.
Ich tastete mich vor, Schritt für Schritt.
Dann – ein einziger Moment. Ein falscher Winkel, ein rutschiger Stein – oder einfach nur die rohe Kraft der Natur.

Die Strömung packte mich.

Mit einem Schlag war ich weg.
Weggerissen.
Und dann: Hinabgezogen.

Ich verlor die Kontrolle. Alles geschah gleichzeitig. Die Welt kippte, der Boden verschwand, das Wasser drückte auf meine Brust. Ich sah nichts mehr. Kein Licht. Keine Richtung. Nur Dunkelheit, Wasser, Kraft.

Ich wurde gegen Felsen geschleudert, herumgewirbelt, gezogen, gestoßen. Ich versuchte aufzutauchen – wurde wieder hinuntergedrückt. Der Fluss spielte mit mir, wie ein Tier mit seiner Beute. Ich rang um Luft – bekam nur Wasser. Ich wusste: Noch ein Stoß. Noch eine verpasste Sekunde. Dann ist Schluss.

Aber ich geriet nicht in Panik.
Weil ich es kannte.
Wasser war kein Feind für mich – es war mein Element.

Ich war jahrelang Wettkampfschwimmer gewesen.
Ich hatte gelernt, wie man in den Strom hineindenkt, wie man sich klein macht, gleitet, Kräfte einteilt.
Diese Disziplin – von zahllosen Trainingsstunden im Becken eingeschliffen – rettete mir in diesem Moment das Leben.

Ich konzentrierte mich, steuerte im Chaos gezielt auf Luftblasen zu, nutzte minimale Auftriebe, rang um jeden Atemzug. Kurz auftauchen. Luft holen. Wieder weg. Noch einmal. Ich wusste, dass ich nur begrenzte Chancen hatte – aber ich nutzte sie.

Ich hatte zuvor den Rucksack gelockert, und in diesem Moment war das mein einziger Vorteil. Ich spürte seine wuchtige Masse an mir ziehen, konnte ihn aber mit letzter Kraft abstreifen. Ich war frei. Beweglich. Ich schwamm – nicht schön, nicht sauber, aber zielgerichtet.

Dann: ein Auftrieb.
Ein Stein unter dem Fuß.
Ich stemmte mich hoch. Luft.
Noch ein Schritt. Rutschen. Aufrichten.
Ich war am Ufer.

Keuchend, zitternd, erschöpft – aber lebendig.
Ich hatte keine Ahnung, wie weit mich der Fluss getragen hatte.
Aber ich war auf der richtigen Seite gelandet.

Ich kroch über die Böschung, schleifte den triefenden Rucksack hinter mir her, bis ich auf festem Boden stand. Meine Kleidung sog das Wasser wie ein Schwamm. Mein Körper zitterte, die Finger taub, der Kopf leer – und zugleich voller Gedanken. Was da gerade passiert war, ließ sich nicht fassen. Noch nicht. Nur fühlen.

Ich war nicht weit von der Hütte entfernt. Ich schleppte mich dorthin, jeden Schritt spürend, bis in die Knochen.
Drinnen: keine Wärme, kein Feuer, kein Mitgefühl. Andere Wanderer schwiegen oder sahen nicht einmal auf. Ich war allein.

Mein Schlafsack: durchnässt.
Mein Kocher: defekt.
Mein Proviant: ungenießbar.
Ich fror, aß kaltes Essen, schlüpfte in klamme Kleidung und versuchte, wenigstens ein wenig zu schlafen. Aber wie? Mein Kopf spielte den Unfall in Endlosschleife ab. Das Rauschen, das Schleudern, der Moment unter Wasser, in dem ich dachte: Jetzt ist es vorbei.

Am Morgen trat ich hinaus.
Und da war sie.
Die Brücke.

Sie hing nur knapp über dem Wasser, unscheinbar. Das Schild: von einem Busch verdeckt. Ich war am Abend zuvor wenige Meter daran vorbeigelaufen.

Ich lachte. Oder schüttelte den Kopf. Oder beides.
So nah. Und doch beinahe tödlich verfehlt.

Ich war an meiner eigenen Entscheidung fast gestorben.
Aber ich war noch da.