Norwegen – Der Absturz, der alles hätte beenden können

Der Morgen war frisch, die Luft klar, meine Stimmung voller Tatendrang. Ich machte mich auf den Weg ins norwegische Fjell – stark, bereit, lebendig. Der Aufstieg in die Berge war steil, aber genau das hatte ich gesucht: Einsamkeit, Herausforderung, Weite.

Stunden später erreichte ich das Hochplateau. Um mich herum nur Stille, unterbrochen vom Wind, der über Steine und Gras strich. Ich fühlte mich wie am Ende der Welt – und irgendwie auch darüber hinaus.

Von hier aus sollte der Weg zurück ins Tal führen. Die Besitzerin des Zeltplatzes hatte mich gewarnt: kein markierter Weg, kaum Orientierung, ein schwieriger Abstieg. Damals hatte mich das begeistert. Jetzt, an der Kante des Unbekannten, wirkte es… anders.

Trotzdem ging ich weiter. Ich überquerte das Hochland, orientierte mich an groben Wegpunkten – ein kleiner, stiller See in einer Senke, ein paar entfernte Felsen. Doch nach und nach verlor sich alles. Der Weg verschwand im Gras, dann war da gar kein Weg mehr.

Ich war allein, an einem steilen Hang, ohne klare Richtung. Ich starrte auf meine Karte. Keine Hilfe. Dann – Hoffnung. Auf der gegenüberliegenden Hangseite entdeckte ich etwas, das wie ein Pfad aussah.

Ich entschied: Ich muss da runter.

Der Abstieg begann vorsichtig, doch das Gelände wurde steiler, loser, rutschiger. Schließlich stoppte ich – vor mir lag eine Felsklippe, sicher fünf bis sieben Meter tief.

Kein Weiterkommen. Kein Zurück.

Panik kam auf. Ich folgte der Klippe, suchte nach einer Lücke, einem Durchgang. Nichts. Schließlich entdeckte ich einen Ast nahe am Rand. Vielleicht, dachte ich, kann ich mich daran abseilen.

Ich packte den Ast, prüfte den Halt, begann langsam zu klettern.

Dann rutschte ich ab.

Für einen Moment hing ich nur noch an dem Ast. Mein Herz hämmerte, der Atem stockte. Ich spürte, wie meine Hände den Halt verloren.

Dann fiel ich.

Die Zeit dehnte sich. Die Felsen unter mir kamen näher. Kein Schrei, kein Gedanke – nur das Rauschen des Windes und die brutale Erkenntnis: Das war’s.

Dann – Aufprall.

Stille.

Ich lag inmitten scharfer Felsen. Kein Schmerz. Kein Knacken. Kein Blut. Nur… Schock. Ich blinzelte. Bewegte meine Finger. Meine Beine. Ich lebte.

Ich saß einfach nur da, starrte die Felswand hinauf, die ich gerade hinuntergestürzt war. Meine Beine zitterten. Mein Kopf war leer. Kein Wort, nur ein pochendes Herz und das Gewicht des Erlebten.

Irgendwann stand ich auf – wacklig, aber aufrecht. Ich musste zurück ins Tal, bevor es dunkel wurde.

Wie durch ein Wunder fand ich den Pfad wieder. Er war schlecht zu erkennen, geteilt, führte durch Bäche und über Geröll. Aber ich blieb dran.

Der letzte Abstieg war noch einmal eine Prüfung. Ohne den Weg wäre es unmöglich gewesen. Selbst mit ihm war es grenzwertig. Doch ich schaffte es.

Als ich endlich das Tal erreichte, gaben meine Knie nach. Nicht vor Schmerz – sondern vor Erleichterung.

Zurück in Flåm konnte ich in dieser Nacht nicht schlafen. Der Sturz spielte sich immer wieder vor meinem inneren Auge ab. Ich war nach Norwegen gekommen, um Abenteuer zu erleben – beinahe hätte es mich das Leben gekostet.

Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen. Ich war noch nicht fertig mit dieser Reise – aber ich brauchte Abstand. Und Zeit, um dankbar zu sein, dass ich überhaupt noch unterwegs sein konnte.